Pflegeeltern: „Wir mussten unser ganzes Leben offenlegen“

Gerald Studt ist Pflegevater, bietet gemeinsam mit seiner Frau Ingrid Kindern ein Zuhause auf Zeit. Nach dem Tod von Chantal in einer Wilhelmsburger Pflegefamilie fragt sich der Eimsbütteler, warum das zuständige Jugendamt im Bezirk Mitte offenbar nicht so aufwendig geprüft hat wie in ihrem Fall.

Eine Eimsbütteler Pflegefamilie erzählt, wie sie durchleuchtet wurde, um Kinder aufnehmen zu dürfen

Was ist schief gelaufen bei der Auswahl der Pflegefamilie, in der die elfjährige Chantal an einer Methadonvergiftung starb? Wer hat wo versagt? Fragen, die sich Hamburger seit Wochen stellen. Auch Ingrid und Gerald Studt hat der Tod des Wilhelmsburger Mädchens schockiert. „Wir sind fassungslos, dass das passieren kann, so aufwendig wie wir zum Beispiel durchleuchtet wurden“, sagen sie.
Die beiden Eimsbütteler sind selbst Pflegeeltern, geben Kindern aus schwierigen familiären Verhältnissen immer wieder ein Zuhause auf Zeit. Auf dem Weg dorthin wurde das Ehepaar und sein Lebensumfeld aufwendig überprüft, ein langwieriger Eignungstest stand an. „Erweiterte Führungszeugnisse, Gehaltsabrechnungen, Lebenslauf: Wir mussten unser ganzes Leben offenlegen und viele Fragebögen ausfüllen“, erzählt Gerald Studt. Der Dienst „Pfiff“ – ein sogenannter freier Träger – kümmerte sich darum. Mit Mitarbeitern gab es intensive Gespräche, über ein Jahr lang mussten die Studts Vorbereitungsabende besuchen. Selbst die Tochter, die längst aus der Wohnung ausgezogen war, wurde befragt, ob sie mit der neuen Aufgabe ihrer Eltern einverstanden ist.
„Pfiff“ dokumentiert das alles, das Eimsbütteler Jugendamt prüft die Akte und gibt das Okay, dass die ausgewählten Bewerber Kinder aufnehmen dürfen. „Auch wenn es Probleme gibt, bekommen wir schnell Hilfe. Zudem sind zwei Seminare im Jahr Pflicht, es gibt monatlich Abende für Pflegeeltern“, sagt Studt, der als technischer Angestellter arbeitet. Seine Frau Ingrid ist selbstständig, kann sich ihre Zeit relativ frei einteilen. Sie kümmern sich gemeinsam um die Kinder, die mal einige Tage, mal ein paar Monate bei ihnen verbringen. Bereitschaftspflege heißt das im Fachjargon. Für die Studts ist es eine Herzensangelegenheit: „Für Geld kann man das nicht machen, das wäre ja auch ein ziemlich schlechter Stundenlohn.“
Gerald Studt wundert sich über das Jugendamt im Bezirk Mitte: „Ich verstehe nicht, warum die das nicht genauso prüfen wie bei Pfiff, das ist doch hamburgweit gleich geregelt.“ Auch Wochen nach Chantals Tod bleiben viele Fragen offen.

Hintergrund:
In jedem Hamburger Bezirksamt gibt es einen Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD). Zu dessen Aufgaben gehört es, Kinder vor Gefährdungen zu bewahren und Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder zu beraten und zu unterstützen. Doch das Personal reicht offenbar nicht aus. „Die Mitarbeiter sind am Rande iher Belastungsfähigkeit, es gibt regelmäßig Überlastungsanzeigen“, sagt Siegfried Serwinski, Vorsitzender des Personalrats im Bezirksamt Eimsbüttel. Durch eine Überlastungsanzeige wird den Vorgesetzten mitgeteilt, dass die Arbeit nicht zu schaffen ist und deshalb eine unmittelbare, erhebliche Gefahr besteht. Die ASD-Mitarbeiter sind auch dann verantwortlich – und haben deshalb laut Personalratschef Serwinski „immer Angst, dass etwas passiert“.
Nach dem Tod von Chantal ordnete die Sozialbehörde eine Überprüfung aller Pflegeeltern-Akten an. Im Bezirk Eimsbüttel leben 149 Kinder in Pflegefamilien. OZ/CV
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.