Öffentlicher Nahverkehr in Eimsbüttel

Oder: Alles von vorgestern

Eigentlich müssen wir in Eimsbüttel insgesamt nicht unzufrieden sein mit der Versorgung durch den öffentlichen Nahverkehr, zumindest wenn man nicht in einem der cityfernen Teile des Bezirks lebt. Wir haben diverse Buslinien, die uns in alle möglichen Richtungen bringen, außerdem zwei U-Bahn-Linien, die den Bezirk kreuzen, und drei S-Bahn-Höfe (Dammtor, Sternschanze, Holstenstraße) sind auch in unmittelbarer Nähe. Betrachtet man die Angelegenheit jedoch aus größerer Nähe, offenbaren sich einige eklatante Schwächen.


Es ist ein strukturelles Problem, das den öffentlichen Nahverkehr in Hamburg, und damit auch in Eimsbüttel, so unvollkommen macht: Wer sich den Streckenplan der U-, S- und sonstigen Bahnen ansieht, wird feststellen, dass man zwar schnell in Richtung Innenstadt kommt, aber sobald man sich nicht sternförmig bewegen möchte, wie das Netz es vorsieht, ist man auf Busse angewiesen. Und die sind langsam. Und voll. Da kann eine vergleichsweise lächerliche Strecke von Eimsbüttel nach Eppendorf schon mal fast 30 Minuten regulärer Fahrzeit beanspruchen. Je weiter man von der City entfernt lebt, desto länger werden die Busfahrten in benachbarte Viertel, die nicht von einer U- oder S-Bahn bedient werden.


Das Bahnnetz - von gestern

Das Bahnstreckennetz wurde Anfang des 20. Jahrhunderts geplant, als die Stadt überschaubarer und weniger ausgedehnt war. Damals mag es den Anforderungen genügt haben, doch heute tut es das nicht mehr. Denn wir wollen nun mal nicht alle ins Zentrum. Die Wege des modernen Hamburgers sind vielfältig und multidirektional, doch unser Bahnnetz ist das nicht. Es zwingt uns in ein Verkehrskonzept aus Kaisers Zeiten. Und das, obwohl Hamburg die Parole ausgegeben hat, eine "wachsende Stadt" sein zu wollen. Dem stehen vor allem zwei Probleme entgegen: der Wohnungsmarkt und die Verkehrssituation.

Eine Erweiterung der U- und S-Bahnen ist in einer hoch verdichteten Stadt wie Hamburg praktisch unmöglich - selbst wenn man den Kostenfaktor außer acht lässt. Die Stadt ist zu dicht bebaut, massive Eingriffe in das Straßenbild und der Verlust von Gebäuden wären die Folge, und das nicht nicht akzeptabel. Hinzu käme der Bau weiterer Bahnhöfe, die auch ihren Platz brauchen, der nicht vorhanden ist. Eine großangelegte Erweiterung des U- und S-Bahn-Netzes ist also keine Option. Doch was tun?



Busfahren mit Quäl-Garantie

Ein anderer Problemfall ist die Buslinie 5, die Eimsbüttel vom Grindel bis nach Lokstedt quert. Es ist die meistbefahrene Buslinie Europas, die gleichzeitig die längsten Busse einsetzt, die technisch möglich sind (aber nicht sinnvoll, da sehr anfällig für Defekte der Gelenkmechanismen). Zu den Hauptverkehrszeiten fahren die Busse im Fünf-Minuten-Takt, eine höhere Taktung ist nicht möglich. Da wirkt die Antwort der SPD, nämlich "Busbeschleunigung" wie ein Hohn. Es sollen Extra-Busspuren geschaffen, die Haltebuchten abgeschafft und die Ampeln auf den Busverkehr eingestellt werden. Der Witz ist: Die Linie 5 durchquert Eimsbüttel bereits auf einer exklusiven Busspur ohne Haltebuchten. Das neue Konzept, das uns als zeitgemäß verkauft wird, aber von gestern stammt, wird hier überhaupt keine Verbesserung bringen. Nicht für die Verkehrssituation und nicht für die Fahrgäste.



Die zeitgemäße Alternative: die Stadtbahn

Die Stadtbahn würde gleich mehrere Probleme lösen. Sie würde eine echte Entlastung für stark frequentierte Buslinien bedeuten und sinnvolle Querverbindungen zwischen den einzelnen Stadtvierteln bedeuten. Sie schneidet bei der Umweltbilanz besser ab als Busse und ist außerdem schneller. Moderne Straßenbahnen sind beliebter als Busse, sie brauchen nicht mal mehr Oberleitungen, sind leiser und können deutlich mehr Fahrgäste befördern als Busse. Der Einwand, dass sie ja eine eigene Fahrspur brauchen, ist richtig, aber die wird ja gerade für die Busse eingerichtet. Für teures Geld, das in ein überaltertes Verkehrskonzept investiert wird, anstelle modern zu denken und zu handeln.

Die Stadtbahn ist auch eine gangbare Lösung für die Stadtteile, die bisher vom Bahnnetz abgehängt sind. Das ist in Eimsbüttel vor allem Lokstedt, aber auch dicht besiedelte Viertel wie der Osdorfer Born, Steilshoop oder Bramfeld würden in jeder Hinsicht profitieren. Viertel, von denen man lächerlich langwierige Busfahrten in Kauf nehmen muss, um in den Genuss einer Bahnfahrt überhaupt erst zu kommen. Sie würden aufgewertet und belebt werden - ein echter Mehrwert für die Bewohner.


Das liebe Geld


Die Stadtbahn-Pläne wurden mit dem Argument verworfen, dass eine Straßenbahn zu teuer wäre. Das stimmt so jedoch nicht. Es ist richtig, dass die Anfangsinvestitionen hoch sind, doch wäre das Projekt vom Bund mit erheblichen finanziellen Zuwendungen gefördert worden. Nun werden Landesmittel in einen kostspieligen Umbau der Straßen verwendet, nämlich in die Extra-Spur, die auch die Stadtbahn benötigt sowie in die Anschaffung einer neuen Busflotte. Und das ist nicht alles. Der vom Größenwahn lokaler Politiker kündenden Bau der Elbphilharmonie, dem sich ein ebenso wahnsinniges wie verödetes Stadtviertel anschließt (die Hafencity) gesellt sich eine völlig überdimensionierte U4 hinzu, die mit gefühlten drei Passagieren pro Fahrt in Richtug leerer Straßen und Plätze bewegt. Auch die Eröffnung der Hafencity-Universität wird keine dem Projekt adäquate Auslastung bringen. Stattdessen verlieren sich ein paar Passagiere in U-Bahnhöfen, deren Gestaltung an die oft beschworene "spätrömische Dekadenz" denken lässt (Beispiel). Die Tatsache, dass dafür und für ein altmodisches Bussystem Geld da ist, für eine moderne Stadtbahn aber nicht, wirft die Frage auf, wie dicht der Filz hier eigentlich ist, der solche Entscheidungen möglich macht. Fazit: Der Wahnsinn hat Methode.



Wie geht es weiter?

Man muss kein Hellseher sein, um die Frage, wie es mit dem öffentlichen Nahverkehr in Hamburg weitergeht, angesichts von Dauerstaus, Dauer-Parkplatznot und Dauer-Verkehrsinfarkt, zu beantworten: Die U4 wird sinnlos verlängert, da sie nun schon mal da ist, es werden Millionen und Abermillionen in ein Bussystem versenkt, das weder zeitgemäß ist noch den Anforderungen einer modernen Metropole gerecht wird, und die Unzufriedenheit mit dem ÖPNV wird wachsen. Mehr Menschen werden auf PKWs umsteigen, um der quälenden Situation zu entgehen und sich stattdessen der quälenden Situation auf den Straßen aussetzen. Irgendwann wird auch der verstockteste Politiker einsehen, dass es so nicht weitergeht. Und dann kommt... ja was wohl? Richtig, eine Stadtbahn! Die ist nämlich modern, flexibel (wie heutige Straßenbahnsysteme nun mal sind), umweltfreundlich und schnell. Andere Großstädte machen in jeder Hinsicht sehr gute Erfahrungen damit. Nur wir nicht - noch nicht. Aber wenn es so weit ist, werden wir behaupten können: Wir haben es doch gleich gesagt.

Dieser Artikel ist leicht gekürzt. Die vollständige Version findet sich hier.
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