Keine Zeit für Zeitzeugen?

Claus Günther (86) hat seine Jugenderlebnisse in seinem Buch „Heile, heile Hitler“ (Verlag marless.de) festgehalten. Er würde auch gern weiter als Zeitzeuge in Schulen gehen, doch immer weniger Lehrer laden Zeitzeugen ein. (Foto: pr)
 
Aus einer Broschüre der Ida-Ehre-Schule: Knaben der Jahnschule (heute Ida-Ehre-Schule) in den 1930er-Jahren an der Schlankreye, auf den Hemden das Kreuz der Turnerbewegung, das dem Hakenkreuz ähnelte. (Foto: pr)

Besuche von Zeitzeugen sind an Schulen immer weniger gefragt

Olaf Zimmermann / Carsten Vitt,
Eimsbüttel/Stellingen


Claus Günther (86) ist einer der letzten Zeitzeugen, die noch über die Nazizeit erzählen können. Er hat gesehen, wie am Abend des 10. November 1938 die Synagoge in Harburg brannte. Nicht einmal acht Jahre alt war er damals. „Mein Vater war bei der SA und hat bei der Absperrung der brennenden Synagoge geholfen.“
Heute berichtet Günther, der seit vielen Jahren in Stellingen wohnt, als Zeitzeuge in Schulen über die Schrecken der Nazi-Zeit. Er kann erzählen, wie es war, als Bomben auf Hamburg fielen. Und er kann erzählen, wie leicht junge Menschen Hetze übernehmen, weil es fast alle um sie herum auch tun.
Einmal rief der elfjährige Günther dem Vater einer jüdischen Familie hinterher: „Itzig, Itzig, Judensau!“ Anschließend spürte Günther eine Hand im Nacken – es war der Nachbarssohn, der eindringlich zu ihm sprach: „Das musst du nicht sagen, das sind doch auch Menschen.“ Ein Ereignis, das den heute 86-Jährigen immer noch bewegt: „Ich schäme mich mein Leben lang dafür.“
Zeitzeugen haben etwas erlebt, was Jüngere gar nicht kennen – etwa mit 50 Kindern in einer Klasse zu sein, die Sturmflut in Hamburg oder ein Leben ohne Fernseher. Die Zeitzeugenbörse Hamburg besteht seit 1997. Claus Günther ist seit Anfang an dabei. Zeitzeugen machen „Geschichte von unten“ erlebbar, damit heute von gestern für morgen gelernt werden kann.
An Hamburger Schulen sind die Erfahrungen der Zeitzeugen offenbar immer weniger gefragt. „2016 fanden unsererseits fünf Schulbesuche statt, davon vier in Hamburger Gymnasien und einer in einer Gesamtschule in Wahlstedt“, berichtet Claus Günther. „In erster Linie wurden Erlebnisse aus der NS-Zeit thematisiert, in einem Fall auch das Leben in der ehemaligen DDR.“
Warum werden Zeitzeugen kaum noch in Schulen eingeladen? Das Elbe Wochenblatt hat nachgefragt.

Einige Schulen forschen selbst


Besuche von Zeitzeugen im Unterricht finden viele Lehrer sinnvoll und bereichernd. Eimsbütteler Schulen haben zudem eigene Interviewprojekte und bringen Bücher heraus.
„Wir machen sehr gerne Unterricht mit Zeitzeugen“, sagt Kirsten Gorny, Leiterin des Stellinger Albrecht-Thaer-Gymnasiums. Im Dezember sprach zum Beispiel ein Zeitzeuge mit Oberstufenschülern über den Fall der Mauer 1989. „Es gab reichlich Nachfragen dazu, und der Zeitzeuge hat sehr gut, detailliert und facettenreich berichtet“, so Gorny.
Die Stadtteilschule Stellingen, fast Nachbar von Zeitzeuge Claus Günther, geht eigene Wege. Schüler-Arbeitsgruppen haben zwei Bücher recherchiert und mit professioneller Hilfe gestaltet: eins zu Lebensgeschichten von Menschen aus Langenfelde, eins zur Sturmflut 1962. Dafür interviewten zwei Schülerinnen unter anderem Altkanzler Helmut Schmidt. Zudem gab es Veranstaltungen mit Esther Bejarano, einer der letzten Holocaust-Überlebenden. „Am Kontakt zur Zeitzeugenbörse sind wir aber sehr interessiert“, so Schulleiter Bernd Mader.
Die Ida-Ehre-Schule in Eimsbüttel ist ebenfalls besonders aktiv: Es gibt einen Arbeitskreis, der sich mit der Schulgeschichte befasst und der bisher zwei Broschüren herausgebracht hat. In den 1930-Jahren wurden an der damaligen Jahnschule jüdische Schüler ausgegrenzt und vertrieben. Das wird fortan ab Klasse Fünf im Unterricht zum Thema.
Zeitzeugenbesuche gibt es regelmäßig. „In meinem Geschichtsclub im Jahrgang Sechs haben wir mit mehreren Zeitzeugen gesprochen. Wir waren bei der Verlegung eines Stolpersteins für Alphonse Kahn und haben im Vorwege mit der Tochter gesprochen und eigene Beiträge für die Verlegung vorbereitet und vorgetragen“, erzählt Sozialpädagoge Jan Goldt. „Der Besuch von Zeitzeugen ist recht zeitintensiv, da das Gespräch genau vor- und nachbereitet werden muss.“ Aber es lohne sich, da die Schüler so einen direkten Zugang zur Vergangenheit bekommen und auch Fragen an die Zeitzeugen stellen können.
Wie sieht es aus am Emilie-Wüstenfeld-Gymnasium? Leiter Thomas Frey: „Zeitzeugen sind im Unterricht immer willkommen, es gab in letzter Zeit aber nur wenige Besuche. Die Geschichtsfachschaft will in Zukunft die Einbindung von Zeitzeugen spürbar verstärken. Über Kontaktmöglichkeiten würden wir uns freuen.“

Zeitzeugenbörse

In der 1997 gegründeten Zeitzeugenbörse Hamburg treffen sich regelmäßig Menschen, die ihre persönlichen Erlebnisse während der NS-Zeit, im Krieg oder auch vom Leben in der DDR weitergeben wollen. Zur Zeit sind in der Zeitzeugengruppe 15 Hamburger aktiv. Einige weitere können zu Hause befragt werden. Seit 1999 haben die Hamburger Zeitzeugen rund 250 Schulklassen in und um Hamburg besucht. Die Besuche sind für die Schulen kos-tenlos, es entstehen allenfalls Fahrtkosten.

Kontakt: Zeitzeugenbörse Hamburg, c/o Seniorenbüro Hamburg e.V., Brennerstraße 90 (5. Stock), 20099 Hamburg; montags bis donnerstags von 9 bis 13 Uhr,
Tel. 30 39 95 07, E-Mail: zeitzeugen@seniorenbuero-hamburg.de

Hamburger Zeitzeugen treffen sich regelmäßig, zum Beispiel jeden ersten und dritten Dienstag von 10 bis 12 Uhr im Seniorenbüro, und freuen sich über alle, die hineinschnuppern oder mitarbeiten wollen.
❱❱ www.seniorenbuero-hamburg.de
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