Kein Abriss unter dieser Nummer! Gründerzeithäuser in der Weidenallee besetzt

Hamburg: Eimsbüttel | Kein Abriss unter dieser Nummer!


Am 1. April gab es in Hamburg- Eimsbüttel, zwischen S-Bahn Sternschanze und U-Christukirche eine Hausbesetzung.
Die Besetzer_innen haben gegen 16Uhr eine seit Dezember leerstehende Gründerzeitvilla samt Garten wiederbelebt. Im Haus gab es Infomaterial, eine kleine Ausstellung zum Leerstand, viel Mucke, Konfetti und Getränke.

Um 17 Uhr haben alle Besetzer_innen das Haus verlassen, nachdem die Polizei Anstalten machte, das Haus durch die geschlossene Eingangstür zu betreten. Die Gäste der Haus- und Gartenparty stiegen einfach über den Zaun und verschwanden. Es gab keine Personalienfeststellungen, Festnahmen oder Ingewahrsahmnahmen.

Der folgende Text gibt zunächst einige Infos zur leeren Gründerzeitvilla, berichtet dann über Verlauf und Charakter der Besetzung, sowie über den Polizeieinsatz und andere Aktionen wie z.B. den spontanen Rave auf der Straße. Zuletzt fragen wir: Wie geht’s weiter?



Die Gründerzeitvilla in der Weidenallee 53-55 in Eimsbüttel

Die Gründerzeitvilla in der Weidenallee 53-55 von vor 1900 soll abgerissen werden. In den letzten Monaten mussten die bisherigen Bewohner_innen gegen ihren Willen ausziehen, hatten eigentlich unbefristete Mietverträge. Mittlerweile stehen die im 19. Jahrhundert erbauten Gebäude komplett leer.

Die Wohnungen sind gut erhalten und könnten einfach saniert werden, es gibt keinen Grund dieses wunderschöne Haus zu zerstören. In den nächsten Wochen möchte der Investor Lukas Lenz beide Häuser abreißen lassen, um Platz für einen riesigen Neubau mit Tiefgarage zu schaffeni. Er hatte das Haus vor 15 Jahren für „ein Appel und ein Ei“ gekauft und angeblich systematisch nicht in die Instandhaltung investiert. Für Anwohner_innen und die den anliegenden Spielplatz nutzenden Kitas ist das Verhalten des Eigentümers (keine Informationen) und der Abriss der schönen Villa samt folgender Großbaustelle natürlich ein Skandal.

Eine solche Villa ist in Hamburg inzwischen selten: Einst lebten hier reiche Leute am damaligen Hamburger Stadtrand. Jetzt steht das Haus leer, soll abgerissen werden wie so viele vor ihmii. Nachbar_innen schätzen den Stil der gelben Villa mit Garten und kleinen romantischen Balkonen. Die Räume an der Straße – früher wohl Pferdeställe – waren zuletzt an ein Casino und ein Restaurant vermietet. Das Haus ist in einem bewohnbaren Zustand, die Heizung läuft, Wasser und Strom funktionieren, nur das Treppengeländer und einige wertvolle Fußbodendielen fehlen. Wie wärs denn mal mit Denkmalschutz statt Abrissbirne?!


Die Wiederbelebung der Weidenallee 53-55

Die Haustür stand offen, ein spontaner Rave kam aus dem nichts und belebte das Haus. Während der eineinhalbstündigen Besetzung waren mehr als 200 Menschen vor Ort, viele betraten begeistert die hübsche Villa. Plakate luden ein, alle Räume zu besichtigen und zu nutzen. Ein abgespielter Jingle (soundcloud.com/kein-abriss) und ein Text informierten über Rechtliches und den solidarischen Umgang miteinander.

Für alle, die Lust hatten sich einzubringen lagen Bastelmaterialien, Besen, Plakate, Broschüren, Papier und Transparente bereit. Eine Infowand gab Auskunft über den Leerstand, die Geschichte des Hauses und die Abrisspläne und eine zweite Ausstellung gab Einblicke in die Geschichte von erfolgreichen Hausbesetzungen (Gängeviertel, Hafenstraße, Rote Straße in Göttingen, New Yorck im Bethanien, Schröderstift, Rote Flora).

Bunte Transparente mit der Aufschrift „Kein Abriss unter dieser Nummer“ und „Wohnraum für Alle – Leerstand ist genug da“ wurden auf dem Dach und dem Balkon aufgehängt und das Haus mit Plakaten und Konfetti dekoriert. Der Garten wurde eröffnet, die Gartenmöbel entstaubt und bei leckeren Getränken die Sonne begrüßt.

Rund um das Haus und auf dem anliegenden Spielplatz wurden Flyer verteilt. Viele Nachbar_innen wussten noch gar nichts über den geplanten Abriss und freuten sich über das bunte Eröffnungsfest. Gleichzeitig waren viele bestürzt und verärgert, dass mal wieder ein erhaltenswertes Haus in Eimsbüttel stillschweigend abgerissen werden soll.


Räumung und spontaner unangemeldeter Straßen-Rave

Mit Bekanntwerden der Besetzung mehrten sich auch die Polizeikräfte. Waren es um 16:15 noch einige Streifenwagen, die lediglich die Straße sperrten, so bezog um 17h eine Hundertschaft Position in einiger Entfernung. Kurze Zeit später räumten diese den Weg zum zurückliegenden Eingangsbereich des Hauses.
Glücklicherweise scheiterte der Versuch einiger übermütiger Polizist_innen mit ihrem rüpelhaften Verhalten den hier tanzenden Leuten die Stimmung zu vermiesen.
Nachdem die Polizei über eine halbe Stunde lang an der lose verbarrikadierten Eingangstür scheiterte, gab ein weiser Polizist mit vielen Sternen schließlich den Befehl, doch durch die offene Hintertür ins Haus zu gehen.

Die vorherigen Hausbesucher_innen tanzten, spielten, lungerten und malten inzwischen auf der Straße, diskutierten mit interessierten Nachbar_innen und beobachteten derweil das Treiben der Bullen (Transpis abreißen=Buh!).

Nachdem die Transpis entführt und der Anblick der Bullen auch nicht schöner wurde, machte sich ein Mob von ca. 120 Personen auf den Weg. Es ging mit mobiler Anlage und guter Laune, per U-Bahn und zufuß über die bzw. unkontrolliert einfach auf der Feldstraße, auf der Budapester Straße (mit vielen Menschen, da kurz vorm St. Pauli-Spiel) durch Nord-St.Pauli zum Eingang Planten un Bloomen bis zum Knast. Hier wurde über Aktionen vom Tag berichtet und solidarische Grüße an die Gefangenen gesendet.


Aktionen vom Tag

Wir hörten von verschiedenen Leerständen, die mit Transparenten, Kreide, Absperrband und anderem markiert wurden. Hier einige Fotos aus dem Internet: Fotoalbum bei Flickr


Wie geht’s weiter?

Da der Aufbruch des spontanen Raves vom Haus weg sehr schnell und etwas unerwartet kam, ist heute noch folgendes zu sagen: Danke an alle, die da waren, vielen Dank an die Nachbar_innen für Brot und Salz und die Zustimmung, und toll dass wir so gute Stimmung hatten.
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Heute morgen (2.4.) trafen sich drei Polizisten, eine Vertreterin der Hausverwaltungsgesellschaft des Eigentümers und der Abrissunternehmer für eine kurze Besichtigung und um den Abrissbeginn feststellen zu können. Jetzt werden Bauzäune aufgebaut und die Parkverbotsschilder verbieten das Parken im Zeitraum vom 1.4.2013 bis 31.3.2014.

So what?
Wir haben nach wie vor kein Bock auf den Abriss. Das Haus ist erhaltenswert, das haben wir alle gesehen als wir gemeinsam mit Nachbar_innen am Ostermontag drinnen und vor Ort waren. Und wir sind gespannt was noch passiert!
In den nächsten Tagen werden Fotos und Videos auf dem Blog keinabriss.blogsport.de veröffentlicht werden. Bei Fragen, Ideen und Anregungen schickt gerne eine E-Mail an kein.abriss@gmx.de.

Was wir wichtig finden ist, verschiedene Kämpfe um Stadt nicht vereinzelt stehen zu lassen. Stadt geht uns alle an. Lasst uns voneinander lernen und uns vernetzen: Breite Straße in Altona, Rettet die Esso-Häuser und Bleicherstraße auf St. Pauli, AZ Altona, Villa Behnke in Horn, Rettet Elisa in Hamm, Zomia, Ja zur Nö in Harburg, Gängeviertel, Rote Flora, Recht auf Stadt...


Auf in ein kämpferisches Jahr voller Besetzungen.


2.4.2013
Initiative „Kein Abriss“
in der Weidenallee

kein.abriss@gmx.de
keinabriss.blogsport.de

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