Kampf gegen das Vergessen

Marut Perle (l.) und Klaus Robra lesen aus Werken von Autoren, deren Bücher vor 80 Jahren am Kaiser-Friedrich-Ufer verbrannt wurden.
Hamburg: Platz der Bücherverbrennung |

80. Jahrestag der Bücherverbrennung: Marathonlesung am Kaiser-Friedrich-Ufer

Christian Vogt (30) stöbert in einer Reihe von Büchern. Hinter ihm, auf einem kleinen erhöhten Platz am Kaiser-Friedrich-Ufer, liest Schauspieler Rolf Becker aus Tagebüchern von Thomas Mann. Einer der Autoren, dessen Werke vor 80 Jahren an dieser Stelle in Eimsbüttel verbrannt wurden. Heute gibt es eine Gedenklesung, Kindergeschrei dringt vom nahegelegenen Spielplatz herüber.
Ein Scheiterhaufen für Bücher loderte am 15. Mai 1933 am Kaiser-Friedrich-Ufer/Ecke Heymannstraße. Nationalsozialistische Studenten und Burschenschaftler verbrannten in jener Nacht Werke von Autoren, die sie für „undeutsch“ hielten.
„Leider müssen wir wieder und wieder an die Verbrechen der Nazis erinnern, weil nach der Bücherverbrennung dann auch Menschen verbrannt, erschlagen, erschossen und durch furchtbare, harte Zwangsarbeit umgebracht wurden“, sagte die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano zur Eröffnung der Veranstaltung. Sieben Stunden lang lasen Prominente und Bürger aus Werken von Autoren, deren Bücher damals auf dem Scheiterhaufen landeten: Thomas Mann, Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky, Heinrich Heine, Erich Kästner und viele andere. Etwa 800 Besucher lauschten der Lesung, schätzt Helga Obens vom Arbeitskreis Bücherverbrennung. Besonders erfreulich für die Organisatorin: Unter anderen waren 45 Schüler der Ida-Ehre-Schule mit dabei. „Es ist wichtig, dass es bei jungen Leuten auch ankommt.“
Christian Vogt (30) hat schon mehrere Marathonlesungen in den vergangenen Jahren besucht. Hält er das für eine zeitgemäße Form? „Es ist vielleicht nicht die verlockendste Art, sich hier zwei Stunden hinzusetzen, um verbrannten Texten von Autoren zuzuhören, aber mir würde auch nichts anderes einfallen, wie man besser daran erinnern kann“, meint der Eimsbütteler.
Autorin Peggy Parnass hält von Gedenktagen an sich nicht so viel. Ihr ist es wichtig, über den Anlass der Lesung hinaus zu denken: „Zur Zeit werden hier keine Bücher verbrannt, aber in der ganzen Welt kritische Reporter verfolgt und umgebracht, weil sie zu gut sind. Mit Kritik macht sich niemand beliebt – nicht hier und nicht sonstwo.“

Bücherverbrennungen in Hamburg


15. Mai 1933, nachts gegen 23 Uhr: Am Kaiser-Friedrich-Ufer lodern Flammen. SA-Studenten und Burschenschaftler werfen stapelweise Bücher auf einen brennenden Haufen. Ein Schauspiel, das es in Hamburg mehrere Male gab: Bis Ende Juni 1933 wurden an fünf Orten in der Stadt Bücher verbrannt - unter anderem an der Methfesselstraße (auf dem heutigen Else-Rauch-Platz), in Bergedorf und Lohbrügge.
Ein Stück der Grünfläche am Kaiser-Friedrich-Ufer/Ecke Heymannstraße heißt seit 1985 „Platz der Bücherverbrennung“. Seit 2001 werden dort jährlich am 15. Mai Lesungen veranstaltet.
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