Jüdische Schicksale: Ein neuer Weg zur Erinnerung

Hannah Schwadron (vorn, rechts) zeigte mit Siebtklässlern der Ida-Ehre-Schule ein Tanztheaterstück über das Leben ihrer Großmutter. Ursel Lievendag besuchte die Jahnschule, die heutige Ida-Ehre-Schule, und flüchtete 1941 vor dem Terror des Nazi-Regimes.
 
Vier Tage lang studierte die US-Choreografin das Stück mit der Klasse 7 f ein.

Ida-Ehre-Schule: Tänzerin Hannah Schwadron auf den Spuren ihrer jüdischen Großmutter

Auf dem Boden liegen Briefe. Zeilen aus einer Zeit, als Mädchen aus jüdischen Familien nicht unbeschwert ihr Leben leben konnten, sondern fliehen mussten. Hannah Schwadron tanzt um die Papierschnipsel herum, hektisch, mit verstörtem Ausdruck im Gesicht. Aus den Boxen tönt monotone, schräge Rockmusik.
Schwadron zeigte mit Siebtklässlern der Ida-Ehre-Schule die persönliche Choreografie „Meine liebe Ursel: Liebe auf dem Mars“. Die kalifornische Tänzerin ist die Enkelin von Ursel Lievendag, die Ende der 1930er Jahre auch die Jahnschule, die heutige Ida-Ehre-Schule, in Eimsbüttel besuchte. Das jüdische Mädchen flüchtete mit ihrer Familie 1941 vor dem Terror des nationalsozialistischen Regimes. Über Shanghai, Paraguay und Argentinien kam sie in die USA. Die Enkelin brachte nun auf besondere Weise Lievendags Geschichte am Ausgangspunkt in Eimsbüttel auf die Bühne.
Flucht mit der Transsibirischen Eisenbahn, Ankunft in Shanghai, das erste Treffen mit ihrem zukünftigen Mann: Es ist erschreckend, rührend und zugleich lebensfroh und frech, was die Künstlerin auf ihrer getanzten Erinnerungsreise zutage fördert. Dabei ist nie ganz klar, ob da nun die Enkelin in die Rolle der Oma schlüpft oder sich selbst zeigt, wie sie staunend versucht, die Fluchtpfade ihrer Großmutter nachzuvollziehen.
Die Stärke der Choreografie war es, eine schwere Geschichte auf persönlich-sinnliche Weise zu erzählen und so den Zuschauern von heute besser nahezubringen als eine bleierne Geschichtsrevue.
Schwadron erfuhr erst nach dem Tod der Großmutter 2005 Details über deren Flucht – unter anderem aus Briefen, die Ursel Lievendag damals ehemaligen Mitschülerinnen schrieb. Steffi Wittenberg war eine von ihnen. Die Zeitzeugin war gerührt von der Aufführung in Hamburg. „Es wäre toll, wenn Hannah noch mal mit Schulklassen arbeiten könnte.“

Persönlich: Hannah Schwadron

"Sie war die bedeutendste Person in meinem Leben, mein Vorbild“, sagt Hannah Schwadron über ihre Großmutter Ursula Lievendag. Was genau ihre Oma in Nazi-Deutschland erlebte, blieb der 30-Jährigen lange verborgen, sie suchte auch lange selbst nicht nach Antworten. Doch Jahrzehnte später wird sie Teil einer persönlichen Erinnerungsgeschichte. Zufall?
Zu einer Familienfeier schickte ein Verwandter Briefe, die er in Hamburg bekommen hatte. Es waren Kopien des Briefwechsels, den Ursula Lievendag mit ehemaligen Mitschülerinnen aus der Jahnschule (heute Ida-Ehre-Schule) führte. Hannah Schwadron las sie nicht ausführlich, bewahrte sie aber sorgfältig auf. „Ein paar Jahre später wachte ich mitten in der Nacht auf und fand diese Briefe sofort. Da wusste ich: Okay, ich mache ein Stück über den Holocaust.“ Mit ihrer künstlerischen Arbeit will die 30-Jährige sich absetzen von einer jüdischen Erinnerungskultur in den USA, die sie als erstarrt und museal empfindet.
Schwadron möchte einen Weg finden, sich anders mit dem Holocaust auseinander zu setzen. Sichtbar wird das in ihrer Performance, die zwar eine schwere jüdische Kindheit in Nazi-Deutschland aufgreift, aber auch mit Humor arbeitet. „So können Zuschauer eher einen Bezug dazu herstellen“, sagt sie.
Für sie persönlich geht die Suche nach einem eigenen Standpunkt als Künstlerin mit jüdischen Wurzeln weiter. Ihre Dokorarbeit schreibt sie über weibliches jüdisches Tanztheater.
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