Jede Flasche einzeln in der Hand

Ein-Mann-Betrieb: Simon Siemsglüss braut in einer Halle in Stellingen Bier. Hund „Tiga“ ist fast immer mit dabei.
 
Flaschen stapeln sich bis unter die Decke, Karton um Karton werden Lieferungen fertig gemacht. In einer alten Lagerhalle in Stellingen braut Siemsglüss seit 2014 Bier.

Wie ein Hamburger sich den Traum von einer eigenen Brauerei erfüllte

Paletten voller Flaschen stapeln sich bis unter die Decke. Kartons stehen am Eingang herum. Etiketten mit chinesischen Schriftzeichen werden auf Flaschen geklebt. Hier muss dringend eine Lieferung fertig gemacht werden. Nach China. Willkommen bei „Buddelship“, einer Hamburger Kleinbrauerei.
Simon Siemsglüss hat sich vor gut einem Jahr seinen Traum von einer eigenen Brauerei erfüllt. In einer alten Lagerhalle an der Warnstedtstraße in Stellingen wird seit vorigen Sommer Bier gebraut. Mit Hamburger Wasser, Hopfen, Malz und Hefe aus England, Belgien oder Schottland. „Buddelship“ nennt der 39-Jährige seine Marke, bisher gibt es acht verschiedene Sorten – vom einfachen Pils bis zum ausgefallenen würzigen India Pale Ale. Siemsglüss ist Teil einer neuen Brauerbewegung. Unter dem Namen „Craft Beer“ mischen erfinderische Bierliebhaber die Grundzutaten nach ausgefallenen Rezepten zusammen (siehe Kasten). Ein befreundeter Brauer füllt bei „Buddelship“ zum Beispiel sein Bier mit Fichtenaroma ab.

„Deutsches Reinheitsgebot ist ausgehöhlt und sinnlos“

1.000 Liter-Stahlbottiche stehen in der Halle, ein 2.000-Liter-Tank ragt fast bis unter die Decke. Im Kühlraum reift das Bier bei vier Grad Celsius in Spezialtanks, ehe es abgefüllt wird. Auf einer Tafel stehen Daten und Abkürzungen: „IPA“ (India Pale Ale), Pils und Schwarz. Notizen, ab wann welche Sorte gelagert wird.
Siemsglüss braut mit besonderem Malz aus England oder Belgien. „Das ist voller, kräftiger und würziger. Das India Pale Ale zum Beispiel knallt einen erstmal weg, das ist sehr fruchtig, das kennt man hier so nicht.“ Deutsche Biertrinker gelten als konservativ, aber es gibt mehr und mehr kleine Brauereien wie „Buddelship“, die die eingefahrenen Geschmäcker für Neues begeistern wollen. Gerade experimentiert Siemsglüss mit der Sorte „Hokkaido Twin“, einem Bier mit Kürbisaroma. Das deutsche Reinheitsgebot? „Das ist ausgehöhlt und sinnlos. Das vergisst man am besten.“

Erst BWL, dann Politik, schließlich Braumeister

Der gebürtige Eppendorfer ist weit herumgekommen in der Welt. Ehe er sich aufs Brauen spezialisierte, studierte er BWL, sattelte dann auf Internationale Politik um. In Kanada machte er seinen Abschluss. Dann verschlug es ihn über London nach Berlin, wo er sich zum Braumeister fortbildete. In München arbeitete er für Paulaner, für diese Firma ging er ein paar Jahre nach China. Erste Pläne für eine eigene Brauerei reiften. Aber es dauerte sechs Jahre, bis sie Wirklichkeit wurden. Ursprünglich wollte Siemglüss seine Biere in China brauen. Das klappte nicht, es gab zu viele Hürden. So landete er wieder in Hamburg, machte sich auf die Suche nach einer geeigneten Braustätte. In Stellingen fand er schließlich eine passende Halle.
Bisher ist „Buddelship“ im Prinzip ein Ein-Mann-Betrieb. Siemsglüss helfen Freunde, wenn eine große Lieferung raus muss. „Ja, das ist Liebhaberei, man kann das nicht auf halber Kraft machen. Hier habe ich jede Flasche einzeln in der Hand, zum Spülen, zum Etikettieren, zum Verpacken.“ Es ist nicht so einfach, mit einem neuen Bier auf den Markt zu kommen. Vieles läuft über direkte Kontakte zu Gaststätten und Kneipen, mehrere Großhändler verkaufen „Buddelship“.
Das in Stellingen gebraute Bier wird unter dem Namen „Nine Dragons Brewery“ sogar nach Hongkong exportiert. Durch seine guten Kontakte aus den China-Jahren hat Siemsglüss sich da eine Marktlücke erschlossen. In Hamburg läuft es bisher gut an. „Die Resonanz ist super, das Potenzial noch viel größer“, sagt der Brauer.

Stichwort: Craft Beer

Unter dem Namen Craft Beer oder Craft Brewery werden in der Regel Brauereien und Biersorten zusammengefasst, die sich durch originellen Geschmack auszeichnen. Meist sind das kleinere Brauereien. Das englische Wort Craft steht dabei für Handwerkskunst oder handgemacht. Craft Breweries setzen sich von der industriellen Massenware großer Konzerne geschmacklich ab, die Brauer verwenden ungewöhnliche Hopfen- oder Malzsorten, um ihrem Bier ein besonderes, oft würziges Aroma zu geben. Die Craft Beer-Bewegung ist in Nordamerika und England populär geworden. In Hamburg machte vor allem die 2012 neu eröffnete Ratsherrn Brauerei Grundideen von Craft Beer bekannt. Es gibt aber viele Kleinbrauer, die mit außergewöhnlichen Sorten Bierliebhaber begeistern.
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