Immer weniger Zeit für Förderschüler

Sonderpädagogin Katrin Leitmont ist in einer Lerngruppe zusätzlich zum Klassenlehrer eingesetzt. Doch die Schule hat Probleme, dieses Modell durchzuhalten, weil Förderstunden gekürzt werden.
Hamburg: Schule Rellinger Straße |

Inklusion: Erfolg und Sorgen an der Schule Rellinger Straße in Eimsbüttel

Özkan (7, Name geändert) erklimmt Stufe um Stufe, etwas beschwerlich, hinauf in den dritten Stock. Tür auf, willkommen in der Schildkröten-Gruppe in der Schule Rellinger Straße. Als Özkan vor eineinhalb Jahren an die „Relli“ kam, schaffte er es kaum die Treppen hoch. Der Junge hat eine leichte körperliche Behinderung – geht aber in eine ganz normale Klasse und wird hier gefördert. Inklusion nennt sich das seit ein paar Jahren in Hamburg. Die Schule Rellinger Straße will dieses Konzept ausbauen – stößt aber auf Probleme.
Jamal (Name geändert) spricht nicht und ist immer wieder unruhig. Michel hat ab und zu „Ticks“, dann kann er seinen Körper kurzzeitig nicht kontrollieren. Özkan muss immer wieder sportlich gefordert werden. Die drei brauchen besondere Unterstützung in der Lerngruppe. Hier sind Schüler der ersten bis dritten Klasse zusammen. Jeder lernt nach seinem Können und seinem Tempo, bekommt passende Aufgaben und Herausforderungen. Die Schüler, die mehr Hilfe brauchen, haben eben ihr ganz eigenes Tempo. Trotzdem: „Die Kinder sind voll integriert“, sagt Klassenlehrer Tim Schneider. „Die Schüler unterstützen sich gegenseitig, da fällt es nicht besonders auf, wer nun Förderung braucht“, so Schneider.
Bei den „Schildkröten“ sind zusätzlich zu Klassenlehrer Schneider eine Sonderpädagogin und eine Heilerziehungspflegerin eingesetzt – in der Regel unterstützen zwei Lehrkräfte die insgesamt 23 Schüler.
Doch der „Relli“ wird es schwer gemacht, dieses Modell weiterzuführen. Im laufenden Schuljahr stehen für Schüler mit leichtem Förderbedarf bis zu drei Extra-Stunden pro Woche zur Verfügung. Im nächsten Schuljahr wird es nur noch knapp eine Stunde sein.
Grund: Beim Sozialindex Kess wurde die Schule 2013 hochgestuft, nach der Kurzformel: Besseres soziales Umfeld, weniger Förderstunden. Diese Einstufungen sind umstritten (siehe unten). „Da wird nicht auf den realen Bedarf geguckt“, kritisiert Katja Grosse vom Elternrat. Die „Relli“ will kämpfen, um wirkliche Inklusion am Leben zu halten.

Nur Vorteile: Die Stimme einer Mutter

Hintergrund: Förderstunden, Kess und Co.


Um alle Kinder angemessen zu fördern, braucht die Schule Extra-Stunden für Sonder- oder Sozialpädagogen. Bei Schülern mit körperlichen oder geistigen Behinderungen gibt es pro Kind eine bestimmte Stundenzahl. Anders ist das beim Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache, emotionale Entwicklung (LSE): Für diese Schüler werden der Schule pauschal Wochenstunden zugewiesen – egal, wie viele dieser Kinder an der Schule sind.
Der sogenannte Kess-Faktor bestimmt die Stundenzahl: Die „Relli“ bekommt etwa 16 Stunden pro Woche zugewiesen. Der Haken: Es wird dabei von 1,5 Prozent LSE-Kindern an der Schule ausgegangen, in Wirklichkeit sind es aber fünf bis sechs Prozent, so Katja Grosse vom Elternrat. Sie fordert daher, den Kess-Faktor bei der Berechnung der Stundenzahl abzuschaffen.
Die „Relli“ investiert zudem selbst in die Ausstattung: Etwa 12.000 Euro gab die Schule für einen Förderraum aus, von der Schulbehörde gibt es nichts dazu.
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