Im Wohnzimmer der Mucker

Heimspiel: Christel rockt das Mikrofon für die Band Grobschliff. Foto: Ben Freier
 
Birgit Liebehentschel bucht die Bands im „Live“, Jan Schneider zieht sich nach knapp zehn Jahren aus dem Club zurück. Neue Betreiber wollen „alles beim Alten“ belassen. Foto: Ben Freier
Hamburg: Musik Club Live |

Abseits von Kiez und Schanze – Livemusik an der Fruchtallee

Von Ben Freier. 18 Uhr, drei Stunden bis zum Auftritt. An der Fruchtallee stehen die Autos im Feierabendverkehr im Stau. Wer an der roten Ampel am Eppendorfer Weg hält, könnte hinter der hellen Scheibe Boris Sundmacher sehen, der mit Jan Schneider neben dem Tresen an einem Mischpult redet.
„Jan, soll ich den Bass auf die Eins stecken?“, fragt Boris Sundmacher von der Band Jawbone. „Was habt ihr denn heute?“, fragt der Soundtechniker zurück. „Viermal Gesang, Gitarre, Banjo, Geige, Bass und ein Instrumentenmikro“, sagt der Bassist. Jan Schneider, der gerade dabei ist, einen Kabelwust zu entwirren, zeigt auf die Eins. Als die Autos bei Grün über die Kreuzung fahren, hat Boris Sundmacher sein Instrument bereits routiniert eingestöpselt. Er ist mit seiner Band schließlich nicht zum ersten Mal im Music Club Live. Jawbone sind fester Bestandteil im Programm des charmanten Auftrittsortes in Hamburgs Westen.

Eine Bühne mit den Maßen eines größeren Vorzelts

„Das Live“, wie es von Stammgästen genannt wird, war immer ein Musikertreff. Im November 2003 wurde er von Axel Thomas gegründet. Nicht, wie man annehmen könnte, auf dem Kiez oder in der nahegelegenen Schanze, sondern am Rand einer der meist befahrensten Straßen der Stadt. Hier gibt es handgemachte Musik auf einer Bühne, die nicht größer ist als die Grundfläche eines geräumigen Vorzelts. In einem Zuschauerraum von knapp 60 Quadratmetern.
Jan und seine Mitstreiterin Birgit Liebehentschel haben den Musiktempel 2006 von Axel Thomas übernommen. Seit 2003 im Club angestellt, sind beide das Wagnis eingegangen, einen Musikertreff jenseits vom Mainstream weiter zu betreiben. „Wir wollen nicht nur die etablierten Musiker – wir möchten auch unbekannten Bands und Solokünstlern eine Bühne geben, und für
Musikeinsteiger ist es eine Möglichkeit, erste Erfahrung zu sammeln und vor Publikum zu spielen“, so die beiden.
Aber im Oktober 2015 kam es ganz dicke. Jan Schneiders Mutter Anke starb, sie hatte die Ausschanklizenz für den Club inne. Ohne Alkoholausschank und die Einnahmen daraus war der Musiktempel aber nicht zu halten, der Laden musste vorübergehend schließen. Die
Suche nach einem neuen Partner mit Erfahrung in der
Gastronomie war erfolgreich. Neu im Liveboot sind nun die Gastronomen Andreas Drogand und Nicole Drifte. Sie
betreiben bisher unter anderem die Bodega-Bar an der Weidenallee und das Froggy’s an der Eimsbütteler Chaussee.

Alle Bands spielen hier „auf Tür“

Seit Kurzem geht es nun
endlich weiter, stehen wieder Konzerte meist lokaler Bands aus den Richtungen Rock, Blues, Country oder Folk auf dem Programm. „Es bleibt alles beim Alten“, sagt Nicole Drifte. Ab Februar ist geplant, an fünf Tagen in der Woche Bands auftreten zu lassen.
Wie viele Gäste kommen, ist für Birgit Liebehentschel, die sich weiter um das Booking der Bands kümmern wird, auch nach zehn Jahren Erfahrung immer noch schwer einzuschätzen.
Ausnahmen sind der legendäre Vibrafonist Wolfgang Schlüter oder Gitarrist Karl Allaut,
lokale Musikgrößen wie die Band Grobschliff, Dr. Ella, One Trick Pony, Abi Wallenstein oder eben Jawbone.
„Dann ist die Hütte immer voll“, meint Jan. Und das ist gut so, denn alle Bands spielen hier „auf Tür“ – das heißt: der Eintritt (zwischen sieben und 15 Euro) geht an die Musiker.
21 Uhr, der Auftritt beginnt. Jan hat alle Mikrofone eingerichtet, der Bass steckt auf der Eins, der Sound ist perfekt, und circa 80 Gäste warten auf den ersten Song von Jawbone. „Ain’t no place you should be goin´. Ain’t no need for you to leave ...“, singt Eberhard Marold. Die ersten Zuschauer, die ganz dicht vor der Bühne stehen, nicken mit dem Kopf im Takt des Bluessongs.
24 Uhr: Kein Zuhörer hat den kleinen Saal verlassen, wieder mal ein beeindruckender Abend im Music Club Live. Das
Konzert gab es für kleines Geld: Lediglich sieben Euro kostete der Eintritt.

Music Club Live

Fruchtallee 36, geöffnet ab 18 Uhr, Livemusik ab 21 Uhr.
www.music-club-live.de
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