Hin und her gerissen

Die Eidelstedterin Marianne S. (Name geändert) fragt sich, wie es weitergehen kann mit den Flüchtlingen. Am Bahnhof Hörgensweg hatte sie ein einschneidendes Erlebnis: „Flüchtlinge haben mich gerettet, als ich auf die Gleise gafallen war und ein Zug kam.“ Es habe für sie etwas verändert.

Wie eine Bürgerin aus Eidelstedt die Diskussionen um Flüchtlinge wahrnimmt

Diesen Tag im November vorigen Jahres wird Marianne S. (Name der Redaktion bekannt) nie vergessen. Die Eidelstedterin stand mit ihrem Fahrrad am Bahnhof Hörgensweg und wartete auf die AKN. Sie geriet zu nah an die Bahnsteigkante und fiel mit ihrem Fahrrad auf die Gleise. Es kam ein Zug. „Der tutete laut. Ich dachte, das wars nun. Plötzlich merkte ich, wie mich Leute da hochgehoben haben“, erzählt sie.
Eine Gruppe Flüchtlinge war offenbar auf die Gleise gesprungen und holte sie wieder auf den Bahnsteig. „Dann haben die sich noch rührend um mich gekümmert“, schildert sie. „Dieser Tag ist wie ein neues Leben, das verdanke ich den Flüchtlingen. Immer wenn ich wütend werde, denke ich da auch dran“, sagt sie. Es hat etwas für sie verändert – so wie die letzten Monate Eidelstedt verändert haben.
Marianne S. wohnt in Sichtweite des ehemaligen Baumarkts am Hörgensweg, der seit Oktober 2015 eine Notunterkunft für mehr als 800 Flüchtlinge ist. Von einem Tag auf den anderen waren Hunderte neue Menschen im Stadtteil. „Ich habe mich erstmal erschrocken, dann bin ich da hingegangen. Ich bin ja einfach so“, sagt sie lachend. Anfangs war kaum etwas vorbereitet in dem Gebäude. „Es tat einem in der Seele weh, dass die Leute da auf dem Boden liegen und ich hier in meinem warmen Bett.“

Es ist bunter geworden, aber auch komisch

Es ist bunter geworden, findet die 63-jährige Frührentnerin. Es ist aber auch komisch geworden. Es ist eine Stimmungslage, die von außen schwer zu begreifen ist. Wenn sie als Frau abends an der Unterkunft vorbeigehe, habe sie ein ungutes Gefühl, schildert Marianne S.: „Weil da so viele Männer sind, da muss man aufpassen.“
In ihrem Haus seien viele gegen die Unterkunft, die Nachbarn fänden das bedrohlich, weil es so viele seien. „Das ist Überfremdung, aber das dürfen wir ja nicht sagen, weil man dann kriminalisiert wird.“ Das findet sie nicht gut.
Und manche Schlagzeilen aus den Zeitungen der vergangenen Monate machen es nicht besser: Eine Attacke auf einen Christen in der Unterkunft am Hörgensweg, die Silvester-Vorfälle, als junge Frauen in Köln und Hamburg vermutlich von Ausländern sexuell belästigt wurden. „Trotz Silvester bin ich noch aufgeschlossen“, sagt sie. Sie macht sich schlau, telefoniert mit Ämtern, der Polizei, mit der Stadtreinigung, wenn da wieder Müll vor der Unterkunft rumliegt. Sie will Informationen bekommen, um sich selbst ein Bild zu machen.

„Jede Generation hat ihre Herausforderung“

Manchen Hamburger Tageszeitungen traut sie da nicht mehr: Es würden absichtlich Nationalitäten von Tätern nicht mehr genannt – das findet sie nicht in Ordnung. Sie möchte da informiert werden. Was sie daraus mache, sei ihre Sache.
Beim Elbe Wochenblatt ruft sie regelmäßig an, um Sachen zu erzählen oder etwas zu erfahren. Da ist noch Vertrauen da. Sie findet: „Wir müssen darüber reden, wie in gewissen Kulturen über Frauen gedacht wird. Wir müssen Tatsachen benennen und diese nicht unter den Teppich kehren.“
Frau S. zögert noch, von sich aus Kontakt zu Flüchtlingen zu suchen. Aber sie wünscht sich, dass es Möglichkeiten zur Begegnung gäbe, zum Beispiel ein Café, das für Geflüchtete und Einheimische da ist. „Da würde ich dann auch mal hingehen.“ Bisher habe sie nur gute Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel, als sie jungen Männern am Bahnhof Hörgensweg erklärte, wie sie eine Fahrkarte lösen und diese sie dann fröhlich anstrahlen. Oder die Sache mit dem Zug vor ein paar Wochen.
Als es in einer Versammlung in Eidelstedt viel Kritik an der Flüchtlingssituation gab, stand sie auf und erzählte diese Rettungsgeschichte. „Jede Generation hat ihre Herausforderung. Die Flüchtlinge sind jetzt da, da möchte ich das Beste daraus machen“, sagt sie.
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