Geschichten aus der „Suse“

Von der RAF-WG bis zum Volkszählungsboykott: Martin Musiol gibt Einblicke in die Geschichte der Susannenstraße. Foto: schenkel

Martin Musiol hat ein Buch über Menschen und Ereignisse in der Susannenstraße geschrieben

Fritz Schenkel, Sternschanze

Kann man über eine Straße, die nur 120 Meter lang ist, ein Buch schreiben? Zugegeben, wenn die Sonne nachmittags für Stunden genau in diese Straße im Schanzenviertel scheint, lässt sich dort wunderbar verweilen. Aber allein mit Geschichten über Müßiggang lässt sich kein Buch füllen.
Martin Musiol muss es wissen. Er hat 25 Jahre in der Susannenstraße gelebt. Und über „seine“ Straße ein Buch geschrieben. Die 120 Meter, mittlerweile fast so etwas wie der urbane Mittelpunkt des Schanzenviertels, hatten und haben es nämlich in sich.
„Die Idee dazu hatte ich seit 30 Jahren im Kopf“, sagt Musiol, und sofort beginnt die Geschichte der Straße aus seinem Mund nur so zu sprudeln. Als er 1973 als Student hier einzieht, ist die Susannenstraße nur eine der heruntergekommenen Lebensadern des Schanzenviertels. Die Gegend ist wie andere vom Zweiten Weltkrieg stark zerstörte Stadtviertel „Dispositionsfläche“ des Senats. Sanierung, Wiederaufbau? Die Planspiele reichen bis zum Komplettabriss und dürften die Fantasie Nachgeborener, die das Schanzenviertel heutzutage in allen denkbaren Formen konsumieren, überfordern. Wie sich später herausstellen soll, leben auch Mitglieder der zweiten Generation der RAF in einer Wohngemeinschaft gleich um die Ecke zur Bartelsstraße.
Stille Helden halfen jüdischen Nachbarn
Martin Musiol beginnt, Kontakte zu älteren Nachbarn zu knüpfen. Sie erzählen von den vielen jüdischen Nachbarn, die im Sommer 1942 in zwei Schüben vor der Schule in der Schanzenstraße deportiert wurden. Sie erzählen aber auch von den stillen Helden des Alltags, denen es gelingt, jüdische Mitbewohner zu verstecken und ihr Leben zu retten. Und sie erzählen vom Bangen im Luftschutzkeller.
Später dann die Ereignisse, die das heutige Bild der „Schanze“, wie es nun hipsterkorrekt heißt, geprägt haben: Die „Suse“ wird eines der Zentren des Volkszählungsboykotts. An ihrem einen Ende scheitern die Flora-Pläne des Musical-Produzenten Kurz. Auf ihrem Pflaster wird jährlich das unangemeldete Schanzenviertelfest gefeiert.
„Kopfsteinpflaster Susannenstraße“ ist keine leichte Kost, nichts für den schnellen Konsum. Sondern ein nachdenkliches, spannendes, unterhaltsames Lesevergnügen, auf das man sich einlassen muss. Wer das kann, wird reich beschenkt.

Das Buch
Martin Musiol, Kopfsteinpflaster Susannenstraße
Geschichten und Geschichte einer Straße im Hamburger Schanzenviertel
ISBN: 978-3-7345-7193-0
19,90 Euro
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