G20-Gipfel: Entglitten

Nachlöschen und Aufräumen nach der Chaosnacht am Sonnabend.
 
Spuren: Kaputte Scheiben an einer Bushaltestelle am Schlump.

Friedliche Proteste, Brandstiftungen, Randale: Drei wilde Tage in Hamburg

In der Susannenstraße hat am Sonnabend irgendjemand ein Peacezeichen aus Pflastersteinen geformt. Bunte Blumen sind daneben gepflanzt worden. Es wird aufgeräumt nach der Krawallnacht.

Während die Staatschefs der G20 am Freitagabend in der Elbphilharmonie Beethovens Neunter Symphonie lauschten, wurde es am Schulterblatt brenzlig: Randalierer warfen Steine auf Wasserwerfer und Polizisten, zündeten Barrikaden an, zerdepperten Dutzende Schaufenster und plünderten Läden. Stundenlang warteten Feuerwehr und Polizei am Neuen Pferdemarkt und an der Altonaer Straße. Es war offenbar zu gefährlich, im Schanzenviertel gegen die randalierenden Leute vorzugehen und Feuer zu löschen. Erst mit Sondereinheiten rückte die Polizei vor.

Matthias Voltmer hat die Szenerie von seinem Plattenladen „Slam“ am Schulterblatt aus mitverfolgt. Er ist „demonstrationserfahren“, wie man es in der Schanze halt so ist. „Aber das habe ich so noch nicht gesehen.“ Wer tobte sich da im Viertel aus? „Viele junge Leute, zwischen 18 und 25 Jahre, viele Frauen.“ Dabei mischten sich unter Barrikadenbauer und Steinewerfer auch Leute, die neben Feuern feiern oder auch mal mitmachen wollten. Mit linksextremen Absichten hatte das Voltmers Meinung nach wenig zu tun, es sei mehr symbolisch: „Hier ist Randale, hier machen wir was.“

„Die hätten wohl auch Tote in Kauf genommen“, vermutet Mitinhaber Cord Stehren. Unter den Bildern, die von G20 in Hamburg bleiben werden, sind die Schanzennächte sicherlich die einprägsamsten Szenen. Stehren bedauert, dass „gewaltfreie Demonstrationen hinter den gewalttätigen verschwinden“. Die Ladeninhaber finden eine Entwicklung abschreckend: den „Tourismus von Leuten, die hier rumstehen und Fotos machen. So viel Prollpack!“ Das sei am Sonnabend besonders auffällig gewesen.

Stehren hofft, dass auch Hamburgs rot-grüne Koalition für das Geschehen „eine Quittung“ bekomme. Schließlich hatte Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) immer wieder betont, dass der Gipfel mitten in der Stadt richtig sei und nahezu problemlos über die Bühne gehen würde.
Die Wirklichkeit sah anders aus: Tausende Demonstranten in mehreren Gruppen machten der Polizei am Freitag arg zu schaffen. Als am Morgen Dutzende Autos in Altona brannten, war die Polizei mit dem Sichern des Gipfels fast komplett ausgelastet.
Voltmer fragt: „Wieso kommen 19.000 Polizisten nicht mit 3.500 Leuten klar?“. Die Stadt sei so nicht zu kontrollieren, mit dieser Aufgabe habe sich der Senat übernommen.

Viele Bürger fragen sich: Wer übernimmt Verantwortung?

Nun wollen viele Bürger Antworten auf ihre Fragen. Wer ist verantwortlich dafür, dass die Proteste eskalierten? Die Polizeiführung, weil der Einsatz mit knapp 21.000 Beamten vielleicht eine Nummer zu groß war für Hamburg? Die linke Szene, weil sie Krawallmacher aus Europa anlockte? Die Organisatoren von Protestcamps wie im Luruper Volkspark, weil von dort aus möglicherweise Kleingruppen zum Randalieren loszogen? Die wichtigste Frage: Wer ist bereit, Verantwortung zu übernehmen?

Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) hatte immer wieder betont, dass der Gipfel mitten in der Stadt richtig sei und nahezu problemlos über die Bühne gehen würde. In Wirklichkeit gab es jede Menge Probleme.
Lauter werden derzeit die Stimmen, die politische Konsequenzen fordern: Zum einen von Hamburgs Regierung, allen voran von Bürgermeister Scholz. Zum anderen von der Roten Flora, die viele für mitverantwortlich halten an dem Schanzenaufstand.
Scholz, der mit Kanzlerin Angela Merkel den Gipfel nach Hamburg holte, verbittet sich bisher jegliche Kritik an der Polizei. Einen Rücktritt lehnt er bisher ab.

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