Freigestellte Gesichter

Hamburger Ansichten: Die Kolumne im Elbe Wochenblatt

Hoppla, plötzlich ist doch noch Winter. Dachten wir doch bis Ende 2015, dass sich der Frühling bald schon wieder einstellt. Nun Minusgrade, ein eisiger Wind und bibbernde Menschen.
Das Beste an der Kälte sind die Gesichter. Eingepackt in Schals (quatsch, Loop heißt das doch), die Köpfe mit Mützen und Kapuzen in allen Variationen geschützt, wird der Blick nun exakt zwischen Scheitel und verpackten Hals gelenkt. Das Gesicht wirkt wie freigestellt von den vielen Sekundärreizen, die sonst ablenken. Keine Haarfarbe, keine Frisur zu sehen, stattdessen obendrauf diese locker und flauschig wippenden Wollmützen (trendorientierte Hipster und Metrosexuelle), eng anliegende Fleece-Exemplare (pragmatische Outdooranhänger) oder – bei den ganz Mutigen – nur ein Baseballcap (Hip-Hopper, Gangster und andere Berufsjugendliche). Brrr.
Wir sehen schlafzerfurchte Mienen, verknautschte Gesichtszüge, mal fein geschwungene oder derbe geratene Partien um Nase und Mund, Grübchen, Fältchen, Muttermale. Und Bärte, natürlich, viele viele Haare. Total hingerissen war ich von diesen vergrößerten Rehaugen-Pupillen hinter Brillengläsern bei dem Zwillingspaar im Bus neulich.
Ich find's schön, wenn der Mensch im Winter mal auf dieses Körperteil reduziert wird. Ins Gesicht gucken wir uns doch sonst viel zu selten.
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