Frau Lüttich, wie wird man 102 Jahre alt?

Esther Lüttich (102) am Tisch mit Fotos ihrer Lieben: Ehemann Walther, Tochter Anneliese (mit 82 an Herzstillstand verstorben und von ihrer Mutter gepflegt), Sohn Wilhelm (mit 69 an Herzstillstand verstorben) und das Hochzeitsfoto. Foto: calvi

Im Seniorenheim am Wehbers Park feierte eine der ältesten Hamburgerinnen

Jenifer Calvi, Eimsbüttel

Enkel Alexander (54) hat eine große Torte mitgebracht, die Geburtstagstafel ist gedeckt, für zwei bis drei Stunden ist eine Küchenmitarbeiterin engagiert für diese Feier im Seniorenzentrum am Wehbers Park. Hier feiert Esther Lüttich. Und alle wollen wissen: Wie wird man 102 Jahre alt? Die Angesprochene zuckt die Schultern und lächelt.
Esther Lüttich, geboren am 13. April 1915 in Montevideo, kann oder will ihr gutes Aussehen, ihre Fitness und ihr schnelles Köpfchen nicht erklären. Vielleicht liegt es daran: Sie ist selbstbewusst, lässt sich ungern etwas abnehmen, liebt frische Luft, isst jeden Tag Obst, zieht sich gern elegant an, mag keine Menschen, die zu viel plappern, und ist trotzdem neugierig auf andere. So oder zumindest so ähnlich muss das Geheimrezept für ein langes Leben lauten.
„Schauen Sie meine Schuhe an“, sagt sie zur Reporterin und zeigt auf ein paar elegante Lack-pumps, „erst wollten die hier nicht, dass ich Schuhe mit Absätzen trage. Aber die hier sind doch nicht hoch. Ich habe mein Leben lang immer viel höhere Absätze getragen.“ Esther Lüttich war im Modehaus Horn am Neuen Wall als angesehene Verkäuferin beschäftigt. „Die Kundinnen haben sich gern von mir beraten lassen und auch heute noch werde ich manchmal gefragt, wo ich meine Kleidung her habe. Dabei habe ich seit Jahren nichts neues mehr gekauft.“
Ursprünglich stammt sie aus Uruguay, wo sie mit 17 Jahren ihren Mann Walther aus Wilhelmshaven geheiratet hatte. Später kam sie dann nach Hamburg, wohnte in Altona und Lurup. „Mein Mann war schon in Uruguay Maler. Er und ich haben immer gearbeitet, ich konnte meine Hände nie ruhig halten“, erzählt sie. Sticken und häkeln war ihr Hobby.
Tochter Anneliese, die mit 82 Jahren an Herzstillstand starb, trug als Kind immer Selbstgehäkeltes. Heute, mit 102, fällt es Esther Lüttich schwer, den Faden für ihre geliebte Handarbeit allein durch die Nadel einzufädeln. „Ich bitte die Pfleger, mir fünf oder mehr Nadeln mit Fäden vorzubereiten, damit ich etwas tun kann“, erzählt sie.
Im Seniorenheim liebt sie die Abende, an denen sie mit Pfleger Sanjin aus Bosnien Karten spielen kann. „Er ist ein guter Gegner“, sagt sie. Sanjin wiederum ist sicher, dass Frau Lüttich 115 werden kann. „Aber möchte ich das?“, fragt das Geburtstagskind in die Runde. „Ich höre nicht mehr gut, nachts kribbeln meine Beine, und ich gehe auf und ab, damit ich wieder schlafen kann.“
Esther Lüttich geht gern in den Park. Ihren Rollator hat sie seit zwei Jahren. „Ich schaue mir die Bäume an, denke an mein Leben, an meine Familie, und bin glücklich. Ich hatte ein schönes Leben.“
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