Flüchtlinge in Schulen: Start bei Null

Deutschunterricht mit Lehrerin Anna Westensee (r.) in der Schule Molkenbuhrstraße: „Einige können gar keine Buchstaben, andere lesen schon ganze Sätze und Bücher.“
 
Die Schüler helfen sich beim Lernen der neuen Sprache.

Stellingen: Kinder aus fünf Ländern lernen Deutsch – ein Klassenbesuch

Karten mit Symbolen liegen auf dem Boden des Klassenzimmers. Früchte, Bäume, Häuser, Obst. Gleich daneben: die Wörter in lateinischen Buchstaben. Für Lima (8) aus Afghanistan sind viele davon noch vollkommen neu. „Was ist das?“, fragt Lehrerin Anna Westensee. Sie hält das Bild einer Brombeere hoch. Erstmal Schweigen in der Runde, nach einer Weile spricht ein Kind das etwas sperrige Wort langsam aus. Zu Besuch in einer internationalen Vorbereitungsklasse in Stellingen: Hier lernen Kinder aus fünf Ländern Deutsch – die meisten von ihnen sind Flüchtlinge.
Für Anna Westensee und jeden ihrer Schüler war es immer wieder ein Start bei Null. In der Klasse an der Ganztagsschule Molkenbuhrstraße sind elf Kinder, sie stammen aus Afghanistan, Bulgarien, Mazedonien, Syrien und Korea. Wer bisher mit arabischen Schriftzeichen vertraut war, muss nun die fremde lateinische Schrift kennenlernen. Jedes Kind braucht unterschiedliche Aufgaben und unterschiedlich viel Hilfe. „Einige können gar keine Buchstaben, andere lesen schon ganze Sätze und Bücher“, erzählt die Klassenlehrerin. Häufig arbeiten die Kinder zusammen: Wer schon einen Text lesen kann, hilft dem anderen, der sich noch mit den Buchstaben plagt.
Doch es gibt auch andere Situationen. Dann ist Westensee in erster Linie damit beschäftigt, Ruhe in die Klasse zu bringen. „Hierher kommen Kinder, die teilweise noch gar nichts mit Schule anfangen können. Manchmal brauchen wir Wochen, um allein Verhaltensregeln zu üben.“ Diese Zeit fehlt dann im Fachunterricht.
Eine Lehrerin für elf Kinder – das klingt erstmal großzügig. Aber mehrere Schüler in der Klasse brauchen intensive Hilfe. Die 27-Jährige kann nicht bei allen gleichzeitig sein. Zwar hat sie Unterstützung: In Mathe zum Beispiel ist eine Kollegin mit dabei. Mehrere Stunden in der Woche hilft Mustapha Boumasseh mit im Unterricht. Er ist ein sogenannter Kulturmittler, spricht Arabisch und Französisch. Dennoch: „Es wäre gut, noch mehr Stunden mit zwei Lehrkräften zu haben – vor allem in Deutsch“, sagt Westensee.

Info: Internationale Vorbereitungsklasse


Seit Herbst 2014 gibt es an der Schule Molkenbuhrstraße sogenannte internationale Vorbereitungsklassen (IVK) – unter anderem für Kinder aus Flüchtlingsfamilien. Anfangs kamen die Schüler größtenteils aus der Erstunterkunft Schnackenburgallee. Nicht einfach: Manche blieben längerfristig in der Schule, andere waren nach ein paar Tagen wieder weg, weil ihre Familie in eine andere Unterkunft verlegt wurde. Immer wieder mussten sich die Klassen neu finden. Das ist nun vorbei. Die Schulbehörde organisiert den Unterricht vor Ort in der Bahrenfelder Unterkunft.
In der Stellinger Ganztagsschule werden die IVK-Kinder möglichst in alle Aktivitäten mit einbezogen - zum Beispiel Kurse am Nachmittag, Ausflüge oder Schulfeste wie neulich. Konflikte gibt es, das bestreitet hier niemand. „Aber es bildet sich innerhalb der Schule langsam ein Gemeinschaftsgefühl“, so Katja Berglitz von der Schulleitung.
Unter Eltern aus der Umgebung gibt es offenbar auch Vorbehalte: So sagten Eltern immer wieder, dass sie ihre Kinder nicht an der Molkenbuhrstraße anmelden – wegen der Klassen mit Flüchtlingen.
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