Fahrradwege- ein Stimmungsbild von der Osterstraße

Eines der größten Probleme der Menschheit ist die Unterscheidung zwischen Rad- und Gehwegen. Wenn Sie an der Wahrheit dieser Aussage Zweifel hegen, dann begeben Sie sich am besten an einem beliebigen Wochentag auf die Osterstrasse im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel, vorzugsweise auf einem Fahrrad. Sie müssen das bald tun, denn wenn der beschlosssene Umbau der Straße erst einmal vollzo-gen ist, werden die im Folgenden geschilderten Situationen der Vergangenheit an-gehören und Sie werden tiefer Einblicke in die Beschaffenheit der Menschheit im Allgemeinen und des Eimsbüttlers im Besonderen beraubt.
Schon auf dem Weg zur Osterstraße werden Sie einen Vorgeschmack davon bekommen, was Sie erwartet: für die alte Frau, die mit ihrem Gehwagen auf dem Radweg steht, weil sie den abgesenkten Kantstein nutzen will, hat wohl jeder Verständnis. Stören tut sie trotzdem, und leider hat sie noch nicht bemerkt, dass an dieser Ampel auch der Fußweg abgesenkt ist. Sie könnte also ebenso problemlos auf dem Gehweg über den Zebrastreifen schieben, aber sei's drum.
Ein paar hundert Meter weiter die nächste Herausforderung: Ein krummer Hund ist gerade damit beschäftigt, einen Haufen auf den Grünstreifen zwischen Radweg und Straße zu setzen, was eine längere Prozedur ist. Der Hund ist angeleint und sein Herrchen steht auf dem Bürgersteig. Soweit gut und richtig, aber die Leine spannt sich über den Radweg. Wenn Sie glauben, dass der Mann beim Heran-nahmen Ihres Rades einen Schritt über den Radweg zu seinem Hund tun oder den Hund zu sich herüber ziehen wird, so seien Sie gewarnt: in meinem bislang 50jährigen Fahrradfahrerleben ist das nur ein einziges Mal passiert und auch nur, weil ich eine damals noch erlaubte, wirkungsvolle Radlaufglocke schrillen ließ, die die Frau – damals war es eine Frau – so erschreckte, dass sie über die Leine auf ihren Hund zu stolperte. Also halten Sie lieber an. Hinweise auf Fehlverhalten ziehen nur Beschimpfungen nach sich – das müssen Sie sich nicht antun.
Auf der Osterstrasse angekommen erwartet Sie der erste Engpass: An der Ecke des Kaufhauses steht ein Leierkastenmann und versperrt die Hälfte des Fußweges. Die Ampel zeigt rot, die Fußgänger warten – ja , wo wohl? Richtig, auf dem Radweg. Die Hälfte des Fußwegs ist frei, aber sie stehen ausnahmslos auf dem Radweg. Sie könnten jetzt mal klingeln. Ich empfehle das aber nicht, denn mit 99,9 prozentiger Sicherheit passiert das Folgende: die Mehrzahl hört das Klingeln gar nicht oder bezieht es nicht auf sich, bleibt also auf dem Radweg stehen. Einige werden geweckt, erschrecken und springen Richtung Kantstein vorwärts. Einige Gutwillige gehen in Richtung Leierkastenmann rückwärts – je nach Temperament und Risikobereitschaft schneller oder auch langsamer. In jedem Fall ist das Resultat : komplette Blockade von Fuß- und Radweg. Sie müssen anhalten und absteigen. Am besten schieben Sie dann bei Grün auch gleich über den Zebra-streifen. So vermeiden Sie Kollisionen mit anderen Radfahrern, die sich - von Fußgängern ebenfalls vom Radweg verdrängt – zwischen den Massen hindurchschlängeln.
Auf Ihrem weiteren Weg die Osterstraße entlang werden Sie mit Sicherheit einem anderen gefürchteten Phänomen begegnen: der gemeinen Eimsbütteler Mutter. Selbstbewusst schiebt sie ihre Kinderkarre vor sich her, gern auch im Verein mit zwei oder drei anderen Müttern, allesamt mit Kinderwagen oder Kinderkarre, vorzugsweise nebeneinander und selbstverständlich unter Einbeziehung des Radweges unterwegs. Von so etwas wie einer Fahrradklingel lassen sich diese Damen nicht beeindrucken. Nicht einmal Fußgänger kommen an ihnen vorbei. Stolz schieben sie den Nachwuchs vor sich her und sind sich ihrer Macht durchaus bewusst: Seht her, dies sind die künftigen Zahler eurer Rente und wir sind ihre Erzeuger. Wir müssen niemandem Platz machen.
Da sich auf der Osterstraße auf beiden Seiten Geschäfte befinden, sind sowohl Fußgänger als auch Radfahrer in beiden Richtungen unterwegs, wobei durch die Auslagen der Geschäfte, die zum Teil weit in den Straßenraum hinausreichen, weder für die einen noch für die anderen ausreichend Platz ist. Und nun kommt es zur hohen Schule des Ausweichmanövers: Sie befinden sich auf dem Radweg auf der linken Seite, fahren also vorschriftswidrig. Es kommt Ihnen ein vorschriftsmäßiger Fahrradfahrer entgegen. Was tun Sie? Weichen Sie unterwürfig auf den Gehweg aus, indem sie die dort flanierenden Fußgänger nachhaltig erschrecken? Oder vertrauen Sie auf das in Deutschland geltende Rechtsfahrgebot und behalten Ihren Kurs bei in der Hoffnung, an dem anderen Radfahrer unbeschadet vorbei zu kommen? Letzteres stellt bei den halb zugeparkten Holperwegen deutlich die Risikovariante dar. Wenn Sie Pech haben, begegnet Ihnen an dieser Stelle der allseits beliebte deutsche Oberlehrer, besonders gern gesehen auch in der weiblichen Variante.
Zur Illustration: der Gehweg ist ausnahmsweise leer, Sie entscheiden sich den-noch für das Rechtsfahrgebot. Ihr Gegenüber hält auf Sie zu. Sie sind gezwungen, anzuhalten, wenn Sie nicht am nächsten Straßenbaum nebst Schutzbügel zerschel-len möchten. Und schon geht die Tirade los:
„Sie fahren auf der falschen Seite!“
„Ja.“ Es hat keinen Zweck, das zu leugnen.
„Wenn Sie schon auf der falschen Seite unterwegs sind, weichen Sie gefälligst aus, wenn Ihnen jemand auf der richtigen Seite entgegen kommt!“ Vorwurfsvoller Blick. „Das ist ein Gebot der Höflichkeit!“
Sie können einwerfen, dass doch genug Platz gewesen sei, einfach aneinander vorbei zu fahren, aber wenn Sie an die falsche Lady geraten, folgt jetzt ein längerer Vortrag darüber, wieso sie meint, Sie hätten auf den Gehweg ausweichen müssen – unter dem Strich: weil sie es so will. Murmeln Sie unser Mantra: „ Bisher haben wir hier ins Eimsbüttel immer noch aneinander vorbei gepasst,“ und schieben Ihr Rad in einem weiten Halbkreis um sie herum. Alles andere würde nur zu weiterem Stress führen.
Spätestens an der nächsten Kreuzung lauert die nächste Herausforderung. Ein Kinderwagen. Der dazu gehörige Vater steht auf dem Fußweg und wartet auf Grün. Der Kinderwagen steht auf dem Radweg. Quer. Wenn Sie sich richtig gut fühlen, versuchen Sie es mit Sarkasmus: „Sie wollten das Kind sowieso nicht, oder?“ und tun Sie so, als wollten sie nicht bremsen. Wahrscheinlich werden dann die versammelten Passanten über Sie herfallen, also tun Sie das nur, wenn Sie sich dem gewachsen fühlen.
Irgendwo auf Ihrem weiteren Weg werden Sie dann auf mindestens ein Exemplar des geistesabwesenden Telefonierers treffen. Das Handy am Ohr, den Blick in die Weite gerichtet, mit der anderen Hand gestikulierend, steht er mitten auf dem Radweg. Meist dreht er sich auch langsam um sich selbst, aber nicht etwa, weil er sehen möchte, ob sich womöglich ein Fahrradfahrer nähert. Vielmehr ist er völlig ins Gespräch vertieft und nicht in der Lage, seine Umwelt wahrzunehmen. Stören Sie ihn nicht bei seinem schlafwandlerischen Tun. Fahren Sie vorsichtig vorbei und ermahnen Sie Passanten zu absoluter Ruhe, indem Sie den Finger auf die Lippen legen.
Diese beschwichtigende Geste dürfe allerdings bei Ihrem nächsten Hindernis verlorene Liebesmüh sein.“Nein, dass ich SIE hier treffe,“ schallt es weit über alle Köpfe. In den Fünfzigerjahren hätten die beiden Damen vermutlich bunte Kittelschürzen getragen. Sie wollten ja nur schnell mal was einholen, d.h. Lebensmittel besorgen. Wenn man dagegen einkaufen ging, machte man sich fein, zog in die Innenstadt und kaufte Kleidung oder Gegenstände des langfristigen Bedarfs. Also, diese beiden haben zahlreiche vollpepackte Einkaufstüten, und um den anderen Fußgängern nicht im Weg zu sein, platzieren sie diese natürlich auf dem Radweg. Bis Sie dort ankommen, sind die beiden mit Sicherheit derartig ins Gespräch vertieft, dass Sie besser versuchen, ohne Kommentar vorbei zu kommen. Die Zeit, die die beiden brauchen, Ihre Tüten vom Radweg zu entfernen, haben Sie nicht!
Mit Sicherheit treffen Sie ein paar hundert Meter später auf ein weiteres Opfer der neueren Kommunikationstechnik. Den Kopf tief über sein Smartphone gebeugt, eilt er forschen Schrittes voran, wischt mit dem Finger und tippt hektisch auf dem Display herum, und hat bei alldem nicht bemerkt, dass er längst blind auf dem Radweg angekommen ist. Erstaunlich, dass er mit diesem Verhalten nicht schon längst gegen einen Laternenpfahl oder ein anderes stationäres Hindernis geprallt ist.

Fahren Sie vorsichtig an all diesen liebenswerten Zeitgenossen vorbei und freuen sich, wenn Sie ein weiteres Mal unbeschadet Ihr Zuhause erreicht haben. Und wenn endlich die Osterstrasse so umgebaut ist, dass alle Verkehrsteilnehmer zu ihrem Recht kommen.
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3 Kommentare
6
Kampf Radler aus St. Pauli | 10.06.2015 | 10:33  
12
Uschi Ziegeler aus Eimsbüttel | 10.06.2015 | 10:54  
6
Kampf Radler aus St. Pauli | 10.06.2015 | 11:52  
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