Er erinnert an die Zeit, als Juden ermordet wurden

Der Stellinger Claus Günther spricht in Schulen als Zeitzeuge über das Leben in Hamburg vor 70 und mehr Jahren. Foto: rs

Der Stellinger Claus Günther berichtet in Schulen über seine Jugend während des Nationalsozialismus

Von Reinhard Schwarz, Stellingen – Wie war das Leben vor 70 oder 75 Jahren? Während der Nazi-Zeit, während des Krieges, als Bomben auf Hamburg fielen? Zeitzeugen können Jüngeren davon erzählen. Einer von ihnen ist der Stellinger Claus Günther. Mit anderen Zeitzeugen berichtet er in Schulen, wie das Leben in der NS-Diktatur war, die 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation endete. Zur Illustration bringt er oft eine Schulfibel aus dem Jahr 1938 mit dem Titel „Jung-Deutschland“ mit. Auf farbigen Tafeln wird etwa ein SA-Aufmarsch verherrlicht. Oder er zeigt Bilder von Einsatzbefehlen und Lebensmittelkarten.
„Je älter die Schüler sind, umso aufgeschlossener sind sie“, so die Erfahrung Günthers, Jahrgang 1931. Ermöglicht werden die Schulbesuche durch die Zeitzeugen-Börse (siehe Kasten). Doch ohne Hintergrundwissen wollen sich die Zeitzeugen nicht den Fragen der Schüler stellen. Günther: „Wir sagen immer zu den Lehrern: ‚Bitte gehen Sie mit den Schülern die Fragen durch’.“ Das Ergebnis der Doppelstunde verblüfft auch die Pädagogen: „Die Lehrkräfte sind meist sehr überrascht: ‚So konzentriert haben wir die Schüler noch nie erlebt’.“
Günther, der in Harburg aufgewachsen ist und bei Kriegs-ende 14 Jahre alt war, hat auch einiges zu erzählen. So erinnert er sich an die jüdische Familie Schloß, die 1942 von den Nazis nach Minsk in Weißrussland deportiert und dort umgebracht wurde. Einmal rief der elfjährige Günther dem Vater der Familie hinterher: „Itzig, Itzig, Judensau!“ Anschließend spürte Günther eine Hand im Nacken – es war der Nachbarssohn, der eindringlich zu ihm sprach: „Das musst du nicht sagen, das sind doch auch Menschen.“ Ein Ereignis, das den heute 80-Jährigen immer noch bewegt: „Ich schäme mich mein Leben dafür.“
Die Arbeit als Zeitzeuge hat auch das Leben des Rentners, der bereits mehrere Bücher geschrieben hat, verändert: „Man sieht Dinge anders und kommt zu anderen Schlüssen.“ Und er hat auch die Arbeit an seiner Autobiografie wieder aufgenommen, die er vor 30 Jahren begonnen hatte.

Info: Die Zeitzeugen-Börse
Die Zeitzeugen-Börse wird vom Seniorenbüro Hamburg betreut. Dort treffen sich regelmäßig Menschen, die ihre persönlichen Erlebnisse währen der NS-Zeit, im Krieg oder auch vom Leben in der DDR weitergeben wollen. Auf Anfrage von Schulen besuchen Zeitzeugen Klassen, um dort ihre Erebnisse zu schildern. Dabei sind immer zwei Zeitzeugen zu Gast.
Kontakt: Zeitzeugen-Börse Hamburg, c/o Seniorenbüro Hamburg e.V., Brennerstraße 90 (5. Stock), 20099 Hamburg; Sprechzeiten: Montags bis donnerstags von 9 bis 13 Uhr, 30 39 95 07, E-Mail: senioren1@aol.com
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