Ein Mutiger

Blick in den Spiegel: Mahmut Canbay bringt in seinem eigenen Theater seine persönliche Geschichte auf die Bühne. Foto: cv
 
Über Kunst treffen Menschen aus verschiedenen Kulturen aufeinander“: Mahmut Canbay mit Regisseurin Rayka Kobiella im Mut-Theater. Foto: cv
Hamburg: Mut Theater |

Der Kurde Mahmut Canbay floh mit 23 aus der Türkei – in Hamburg gründete er ein Off-Theater.

Von Carsten Vitt. Mahmut Canbay geht da hin, wo Welten aufeinander prallen. Sich scheinbar unversöhnliche Sichtweisen gegenüber stehen. Er geht zum Beispiel in eine Schule in Steilshoop, eine Plattenbausiedlung im Hamburger Osten. Mit Schülern entwickelte er ein Theaterstück über kulturelle Unterschiede. Auch junge Männer mit rechtsradikalen Ansichten waren in dem Kurs. Als ein Neonazi sagte, dass er etwas gegen den Islam und Kopftuch tragende Frauen habe, blieb Canbay ganz ruhig. „Da wurde es erst richtig spannend“, sagt er und beugt sich vor. Er sieht einen mit einem Blick an, in dem etwas von der Beharrlichkeit liegt, die es braucht, um Vorurteilen entgegen zu treten. Damals fragte er einfach nach, was die Rechten damit meinen. Wo dieses Unbehagen herkommt.
Canbay will etwas verändern, Verständnis schaffen unter Menschen, die sich eigentlich nichts zu sagen haben. Sein Mittel: das Theater. Der 55-Jährige ist Mitgründer und Leiter des Mut-Theaters am Rande des Schanzenviertels. Er bietet eine Bühne, Raum, um Vielfalt zu zeigen. Vielleicht hat es etwas mit seiner eigenen Geschichte zu tun, dass er mit Gegensätzen und Konflikten umgehen kann, ohne aus der Rolle zu fallen. Er war selbst ein Flüchtling, der in Deutschland neu anfangen konnte. Ein Kurde, der vor Unterdrückung floh und in seiner neuen Heimat für das Miteinander kämpft.
Geboren wurde Canbay 1961 in Akcadag in der Region Malatya. In Anatolien im Südosten der Türkei. Er ist Kurde, stammt aus einer alevitischen Großfamilie. Als Heranwachsender war er in linken Jugendgruppen aktiv. „Ich wollte Gerechtigkeit, Widerstand leisten gegen Armut.“ Der türkische Staat unterdrückte die kurdische Minderheit, auch die Religionsgruppe der Aleviten wurde diskriminiert. Als Linker war Canbay noch stärker verdächtig. Immer wieder kam er ins Gefängnis, das erste Mal wurde er mit zwölf Jahren inhaftiert. Er versteckte sich an verschiedenen Orten in der Türkei, suchte zeitweise Zuflucht in Syrien. In seinem Herkunftsland hatte er keine Perspektive. 1984 floh er schließlich nach Deutschland.

Anfangs wusste Canbay nicht, was Asyl bedeutet

„Ich kannte hier niemanden, hatte keine Freunde, keine Wohnung. Ich wusste auch nicht, was Asyl überhaupt bedeutet“, erzählt er über seine
erste Zeit in dem fremden Land. Er dachte sich, er werde zwei bis drei Monate bleiben, sich erholen, dann zurückgehen. Es kam anders. Nach und nach fand er Freunde. Erst Kurden, dann Türken, Deutsche. Er erfuhr, dass er als politisch Verfolgter Asyl beantragen kann, recht sicher langfristig bleiben darf.
Aber was tun in einem Land, das so fleißig ist und auf Arbeit gebaut war? „Ich wollte das Exil positiv nutzen“, sagt Canbay. Eine Freundin gab ihm damals den Rat, Umwelttechnik zu studieren. War zu der Zeit etwas, das Zukunft versprach. Er fing an, aber es war nicht das Richtige für ihn. „Nach vier Semestern konnte ich nicht mehr, ich hörte auf.“ Er hatte Interesse an Kultur, Tanz und Theater und wagte einen Neuanfang. Canbay studierte Theaterpädagogik in Köln, führte später Regie bei eigenen Stücken. Er hatte seine Aufgabe gefunden.
Im Laufe der Jahre als Theatermacher arbeitete er unter anderem in der Honigfabrik in Wilhelmsburg sowie in der Motte und im Monsuntheater in Ottensen. Irgendwann Ende der 1990er-Jahre fand sich in der Schule Altonaer Straße im Schanzenviertel eine Gruppe Theaterbegeisterter zusammen, die sich erstmal gegenseitig ihre Geschichten erzählten. Von Herkunft und Identität, Gegensätzen und Gemeinsamkeiten. Daraus entstand schließlich das heutige Mut-Theater, das seit 2005 mit fester Spielstätte in der Amandastraße 58 zuhause ist.
Es ist eine interkulturelle Bühne, die Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern, Kulturkreisen und Mileus zusammenbringt. Ein kleiner Saal für 80 Zuschauer in einem multikulturell geprägten Wohnviertel. Canbay und ein festes Team inszenieren eigene Stücke – für Erwachsene und Kinder, bieten offene Theater- und Tanzgruppen für Jugendliche an, organisieren unter anderem Begegnungen deutsch-türkischer Gruppen.

In seinem Theater streitet er für Offenheit und Toleranz


Für Canbay ist Kunst ein Weg zur Integration. Für ihn selbst als Macher, aber auch für viele Zuwanderer. „Theater kann viel dazu beitragen, sich mit seiner Biografie und seinem Verhalten auseinander zu setzen“, sagt Canbay. Es geht um Toleranz und Offenheit. Es geht um Kulturformen, die das Fremde anerkennen und helfen, das eigene zu finden. Oder eben umgekehrt. „Wenn du ins Theater gehst, hast du die Möglichkeit, mit Leuten zu reden. Über Kunst treffen Menschen aus verschiedenen Kulturen aufeinander“, sagt er.
Canbay selbst ist zwar auf eine Art angekommen, aber immer noch unterwegs. Er pendelt regelmäßig zwischen Köln und Hamburg. In der Stadt am Rhein bietet er Bildungskurse für Lehrer an, wie sie mit Schülern aus verschiedenen Herkunftsländern im Unterricht arbeiten können. In der Stadt an der Elbe wohnt er und leitet sein Theater. „Ich habe eine Tür nach Köln und eine nach Hamburg“, sagt er.
In dem Stück „Wagen 10“ erzählt er seine persönliche Geschichte. Es ist eine Inszenierung über das Fortgehen, das Ankommen, das immer noch Unterwegssein. Es berührt all diese offenen Fragen, über die ganz Deutschland diskutiert. Flüchtlinge, Integration. Was ist das? Wie geht das? Wer muss da was tun? Canbay hat etwas beizutragen für beide Seiten: „Jeder Mensch hat sein Loch, da zieht einen keiner raus. Wir müssen selbst den Kopf hochkriegen. Es liegt an mir, ob es mir hier gut geht“, sagt er zur Haltung von Flüchtlingen. Für diejenigen, die hier leben, heißt das: „Man muss sich gegenseitig öffnen, dann entdeckt man Neues.“
Klingt ganz einfach, und ist doch für viele so schwer.

Termine
Wagen 10
Mut-Theater,
Amandastraße 58
Freitag/Sonnabend, 29./30. Januar,
jeweils 20 Uhr
Freitag, 12. Februar, 19 Uhr
Sonnabend, 13. Februar,
20 Uhr
Karten: zwölf, ermäßigt
neun Euro
Reservierung:
karten@muttheater.de
www.muttheater.de
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