Die Stimmen des heiligen Prokop

Garant für anspruchsvolle Chormusik: Den Kammerchor der Russischen Orthodoxen Kirche gibt es jetzt seit 70 Jahren. Foto: pr
 
Seit 33 Jahren Chorleiterin: „Man muss sich gut anpassen und schnell lernen können“, sagt Irina Gerassimez (62) über die gesanglichen Anforderungen in ihrem Chor. Foto: cvs

Chor der Russischen Orthodoxen Kirche wird 70 Jahre alt

Ch. v. Savigny, Stellingen

Sobald die Bässe einsetzen, hat man das Gefühl, die Luftvibrationen auf der Haut spüren zu können. „Wer im Bass singt, sollte bis zum tiefen ,C’ runterkommen“, sagt Irina Gerassimez, Leiterin des Kammerchors der Russischen Orthodoxen Kirche Hamburg. Tiefe Stimmen sind sehr gefragt in der Gottesdienstliturgie der Gemeinde, denn der Gesang ist volltönend, dunkel und intensiv. Was nicht unbedingt „laut“ bedeuten muss: „Die Musik hat etwas sehr Weiches, sie lässt das Herz schmelzen“, so drückt es Gerassimez aus. In diesem Jahr wird der Chor in der Hagenbeck-
straße 70 Jahre alt: eine gute Gelegenheit, sich einmal einen (Hör-)Eindruck zu verschaffen.
Gegründet wurde der Kammerchor direkt nach dem Zweiten Weltkrieg von Gerassimez' Vater, der damals als russischer Kriegsgefangener in Hamburg gelandet war – und der es wegen der Verfolgungen unter Stalin vorzog, in Deutschland zu bleiben. 1984 übernahm seine Tochter die Leitung des Gesangs-
ensembles.
Über ihre eigenen Chor- erfahrungen sagt Irina Gerassimez (62): „Ich habe schon im Mutterleib mitgesungen!“ Als Tochter des ehemaligen Chorleiters besuchte sie bereits als kleines Kind den Gottesdienst, mit vier Jahren erhielt die mittlerweile ausgebildete Pianistin ihre erste Klavierstunde. Heute unterrichtet Gerassimez neben ihrer Chorleitertätigkeit privat Klavierschüler. Einmal im Jahr veranstaltet sie Chor-Workshops in der Kirche der Stille in Altona, die jedesmal sehr gefragt sind.
Mit ihrem aktuellen Ensemble hat sie vier CDs aufgenommen. Bombastische Männerchöre, wie man sie von anderen Aufnahmen her kennt, liegen ihr gar nicht: „Ich mag fließende, tiefgehende Stücke“, sagt sie. „Man soll so singen, wie der Atem geht!“
Das „dienst“ – und wahrscheinlich auch an Lebensjahren – älteste Chormitglied ist übrigens Gerassimez' Mutter, die mit ihren 85 Lenzen immer noch mit von der Partie ist. Inzwischen jedoch nicht mehr bei den Frauenstimmen, sondern im Tenor.
Zum Jubiläumskonzert werden 25 Sänger auftreten, die sich auf neun Bässe, sechs Tenöre, fünf Alt- und fünf Sopranstimmen verteilen. Geprobt wird einmal in der Woche im Gemeindehaus oder in der wunderschön ausgestatteten Kirche des heiligen St. Prokop gleich nebenan. Chorerfahrung und Notenkenntnisse werden vorausgesetzt – außerdem Durchhaltevermögen. In russisch-orthodoxen Gottesdiensten wird praktisch ununterbrochen gesungen. Die Feier der Osternacht dauert etwa vier bis fünf Stunden.


❱❱ „Gesänge aus der russischen Liturgie“: Freitag, 16. Juni, 20 Uhr in der Kirche St. Bonifatius, Am Weiher 29. Eintritt frei, Spende erbeten.

Der Chor
Etwa 2.000 Stücke hat der Chor im Repertoire – traditionelle Lieder, aber auch Kompositionen von Rachmaninov, Kedrov und anderen. „Ein sehr netter, familiärer Chor, in dem viel gelacht wird“, sagt Mitsängerin Anja, die wie die meisten hier kein Russisch kann. Mit dem Kirchenslawisch habe sie sich zu Beginn etwas gequält. „Aber man gewöhnt sich dran“, sagt sie.
❱❱ www.kammerchor-russisch-orthodoxe-kirche-hamburg.de
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