Der Straßenfotograf aus Belgrad

Mihály Moldvay hat den besonderen Blick: 1962 kam er als Gastarbeiter nach Hamburg, ab 1968 fotografierte er für den Stern. Er selbst nennt sich Straßenfotograf: „Ich wollte nur festhalten, was ich gesehen habe.“ (Foto: cv)

Im Porträt: Mihály Moldvay kam 1962 nach Hamburg und wurde dann Fotoreporter

Von Carsten Vitt

Sonnabends am Isebekkanal: Autos stehen in einer langen Reihe nebeneinander. Waschtag. Männer und Frauen holen mit Eimern Wasser aus dem Kanal, da gibt es immer wieder Ärger. Gerangel. Mihály Moldvay fielen die Autowäscher irgendwann in den 70er Jahren auf. „Da konnte ich Stunden verbringen und zusehen“, sagt der Fotograf. Später hielt er die Szenen mit seiner Kamera fest. Mit seinem Blick fürs Alltägliche wurde er zu einem angesehenen Fotoreporter.
1962 kam Moldvay als Gastarbeiter nach Hamburg. Er stammt aus Belgrad, gehörte zur ungarischen Minderheit im damaligen Jugoslawien. Der junge Zugereiste arbeitete zunächst als Autoschlosser, wohnte in Lokstedt („mit sechs Türken in einem Zimmer“), später in Eimsbüttel. „Eine Freundin sagte mir, ich solle etwas mit Kunst machen.“ Er machte einen Fotokurs.

Durchbruch: Schnappschuss von den Beatels
Moldvay streifte durch Hamburgs Straßen und knipste. Alltagsszenen. Leierkastenmänner, Passanten auf den Straßen, Polizisten, die noch Stahlhelme trugen, Hafen-Arbeiter und kaputte Schiffe. Irgendwann wurde das Hamburger Abendblatt auf den jungen Mann aufmerksam, er bekam erste Aufträge. Zum Durchbruch verhalfen ihm die Beatles. 1966 kamen die Pilzköpfe wieder in die Hansestadt. Ein Gewimmel von Fotografen und Reportern am Hauptbahnhof, wo – so dachten alle – die Vier ankommen sollten. „Ich hatte aber den Tipp bekommen, dass sie in Ahrensburg aussteigen“, erzählt Moldvay. Er fuhr hin, und machte als einziger einen Schnappschuss von der Ankunft der legendären Vier.

30 Jahre lang arbeitete er beim Stern
Die Redaktion setzte ihn immer ein, wenn sie etwas Besonderes brauchte. „Plötzlich fotografierte ich Bürgermeister, Schriftsteller und Professoren. Aber ich wusste gar nicht, wie ich mich da verhalten sollte“, erzählt er. Die ehrwürdigen Herren trugen alle dunkle Anzüge, Fotograf Moldvay kam im roten Pullover.
1968 warb ihn der Stern ab. Moldvay reiste in Krisengebiete, fotografierte den Prager Frühling, war auf Fotoreportagen in Kuba, Ecuador, Tansania, Simbabwe oder Kenia. 30 Jahre lang arbeitete er beim Stern. An die 300 Ordner mit Tausenden Negativen stehen auf dem Dachboden seiner Eimsbütteler Wohnung. Und er sagt inmitten diesen fotografischen Schatzes: „Ich wollte nur festhalten, was ich gesehen habe.“ Wie damals, am Isebekkanal, bei den Autowäschern.
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