„Danke, Eimsbüttel!“

Heike Hartmann-Heesch hat 17 Jahre in Eimsbüttel gelebt: „Nie habe ich mich irgendwo zuhausiger gefühlt“. Sie nimmt Abschied mit Wehmut, vor kurzem zog sie mit ihrem Mann nach Ottensen. (Foto: pr)
 
Nach einer Lungentransplantation muss sie immer ein Sauerstoffgerät dabei haben. Trotz der Einschränkungen erkundete sie ausgiebig ihre Nachbarschaft - auf eine neue Weise. (Foto: pr)
 
Einer ihrer Lieblingsplätze: Am Weiher. (Foto: pr)

Autorin Heike Hartmann-Heesch verabschiedet sich mit einer Liebeserklärung an ihr Viertel

Von Heike Hartmann-Heesch

Wenn man aus der Vogelperspektive auf Hamburg schaut und sich langsam näher heranzoomt, landet man mit dem Blick auf Eimsbüttel, dem Teil von Hamburg, in dem ich die letzten fast 17 Jahre meines Lebens verbracht habe.
Als Teenager, aufgewachsen in dörflich-friesischer Landschaft, vermochte ich mir nicht vorzustellen, dass ich mich jemals trennen könnte von der Nordseeküste. Als Abiturientin träumte ich von einem umgebauten Bauernhof auf dem Lande, und während meiner Studienzeit, ich arbeitete gerade als Fremdsprachenassistentin in England, las ich in einer Anzeige in der Wochenendausgabe des Guardian, dass einige der Summer Isles vor Schottland zum Verkauf angeboten würden.
Gelandet bin ich nach all den Träumen vom Land- und Inselleben also hier, im Herzen Eimsbüttels. Und wenn man sich weiter heranzoomt, kann man vielleicht auch das Haus erkennen, in dem ich bis vor kurzem gelebt habe. Es ist ein großes und sehr hässliches Haus, nach dem Kriege erbaut in einer der Lücken, die die Bombenangriffe der Royal Air Force im Feuersturm der Operation Gomorrha im Juli 1943 hinterließen. Gelandet bin ich hier der Liebe wegen, obwohl ich rückblickend denke, ein bisschen flüchtete ich damals auch in die vermeintliche Anonymität der Großstadt – nicht ahnend, dass hier im Viertel wenig bis gar nichts anonym sein sollte.

Der Zeitungshändler merkte sich schnell, was sie liest

Der Zeitungshändler an der Ecke wusste schnell, welche Zeitschriften oder Magazine ich regelmäßig erwarb und legte sie bereits für mich zurück, der Kellner im Café nebenan hatte auch sehr schnell raus, dass ich meinen Milchkaffee am liebsten mit Vanillezucker trinke und legte mir einen solchen Beutel rasch ungefragt dazu. Mein Schreibtisch in der Wohnung im Parterre steht vor einem Fenster, das den Blick auf den Bürgersteig zulässt: Es dauerte nicht lange, und ich wusste genau, wer morgens um welche Zeit mit dem Hund Gassi geht, wer montags, mittwochs und freitags zwischen 6.23 Uhr und 6.27 Uhr zum Joggen an den Weiher vorbeiläuft.

„Nie habe ich mich irgendwo zuhausiger gefühlt“

Der Weiher ist in all den Jahren mein Rückzugsort gewesen. Dort, auf einer der Bänke mit Blick auf das Wasser und die Enten, träumte ich oft von einer Wohnung im Viertel, die anderthalb Zimmer mehr haben würde: für ein separates Arbeitszimmer und die restlichen gefühlten 1.000 Bücher, die ihr Dasein in Kisten im Keller fristeten. Dennoch: Ich war angekommen. Nie habe ich mich irgendwo zuhausiger gefühlt als in genau der Wohnung in genau der Straße in eben diesem Viertel.

Lungentransplantation 2010, Rückkehr nach Hause 2011

2008 erkrankte ich schwer. Ich musste mich einer Lungentransplantation unterziehen. Die lange Wartezeit, fast ein Jahr, bis ein für mich passendes Organ gefunden war, musste ich stationär im UKE verbringen. Jeden Abend schickte mein Mann mir in dieser Zeit eine E-Mail, und jeder E-Mail hängte er zwei Fotos an, die er im Laufe des Tages im Viertel geknipst hatte: Momentaufnahmen des Lebens, unserer Wohnung, unserer Straße, unseres Stadtteils, von Menschen und Geschäften, Schaufenstern, Gebäuden, von U-Bahnschächten, Marktständen, Enten im Regen auf dem Weiher und hundert anderen, damit ich nie vergäße, was auf mich wartete und wohin ich zurückkehren würde, wenn alles überstanden wäre.
2010 dann die Transplantation, aber die ersehnt-gefürchtete Operation brachte zunächst nicht die erwünschte Besserung: die Komplikationen wogen zu schwer. Und so sollte es noch bis zum Herbst 2011 dauern, dass ich, nun allerdings maschinell beatmet, sauerstoffpflichtig und im Rollstuhl sitzend, wieder nach Hause zurückkehren konnte. Und jetzt schien es also besiegelt: Dies Zuhause würde unser Zuhause bleiben.
Natürlich war unsere Wohnung in keiner Weise behindertengerecht, aber auch gerade das motivierte mich immer wieder neu, vieles möglichst schnell wieder mit so wenig Hilfe von außen wie möglich zu bewältigen. Außerhalb der Wohnung ließ die Hausverwaltung einer Rampe bauen, damit der Bürgersteig zu erreichen war. Und ich sah es als ganz persönliches Geschenk meines Eimsbüttels an mich, dass bereits kurze Zeit nach meiner Rückkehr nach Hause auch die U-Bahn-Station Osterstraße behindertengerecht umgebaut wurde. Aus der Rollstuhlperspektive bekam ich einen ganz neuen Blick auf das Viertel, in stundenlangen Spaziergängen erkundeten mein Mann und ich unser Eimsbüttel neu, so ausdauernd, dass ich schnell das Gefühl bekam, mit allen Laternenpfählen des Viertels auf „du“ zu sein.

Viele Menschen nahmen Anteil an ihren Fortschritten

Der dörfliche Charakter Eimsbüttels verstärkte sich noch dadurch, dass man im Rolli – und anfangs noch mit Beatmungsmaschine – ja doch „wiedererkennbarer“ ist, und es hat mich sehr oft erstaunt und auch beglückt und motiviert, dass Supermarktverkäuferinnen, Postangestellte, die PTAs in der Apotheke, die Buchhändlerin von nebenan, Joggerinnen am Weiher und viele andere Menschen ganz direkt Anteil nahmen an meinen Fortschritten.

Umzug: „Fühlt sich ein bisschen wie Verrat an“


Und nun, nach fast 17 Jahren, werde ich trotzdem Abschied nehmen von meinem Viertel. Mein Mann und ich werden in eine Wohnung ziehen, wie ich sie mir am Weiher immer erträumte: mit viel mehr Platz, günstiger geschnitten und zudem Tür an Tür mit lieben Freunden. Diese Entscheidung haben wir uns wahrlich nicht leicht gemacht, und dass diese Wohnung nicht in Eimsbüttel, sondern in einem angrenzenden Stadtteil liegt, fühlt sich nicht nur ein bisschen wie Verrat an meinem Viertel und an meinem Zuhause an – aber jedem Neuen wohnt ja bekanntlich auch ein Zauber inne.
Danke, Eimsbüttel, und danke allen Eimsbüttelern, die mich in den letzten Jahren auf dem Weg begleitet haben.

Die Autorin

Heike Hartmann-Heesch hat bisher sechs Bücher und viele Kurzgeschichten in Sammelbänden veröffentlicht. Seit 2007 bloggt die Autorin über das Leben im Viertel unter www.papiersinfonie.de
Vor kurzem ist sie von Eimsbüttel nach Ottensen gezogen.

Donnerstag, 15. Dezember, 19.30 Uhr: Weihnachtliche Lesung mit anderen Autoren im Logensaal der Hamburger Kammerspiele, Hartungstraße 9-11
Eintritt: Zehn, ermäßigt acht Euro
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