Braucht Hamburg überall Tempo 30?

In Hamburg gibt es immer wieder Streit um Tempolimits.
 
In Wohngebieten gilt häufig Tempo 30, an Hauptverkehrsstraßen zögern die Behörden.

Umweltbehörde erlässt an ausgewählten Straßen ein nächtliches Tempolimit – BUND fordert mehr

Hamburgs Straßenverkehr ist laut, dreckig und kann krank machen. Knapp 370.000 Menschen sind laut Umweltbehörde ganztägig Lärm ausgesetzt, 250.000 Bewohner auch nachts. Zukünftig soll es an ausgewählten Hauptstraßen etwas besser werden. Die Umwelt- und Verkehrsbehörde haben sich auf zehn Abschnitte geeinigt, an denen nachts Tempo 30 gilt. Im Hamburger Westen sind das zum Beispiel ein 480 Meter langer Abschnitt der Holstenstraße in Altona (zwischen Gählerstraße und Max-Brauer-Allee) und ein 310 Meter langer Abschnitt der Vogt-Wells-Straße in Lokstedt (zwischen Julius-Vosseler-Straße und Osterfeldstraße). In Mitte gilt auf der Eiffestraße auf 1.220 Metern Länge Tempo 30. Es sollen zunächst Testbereiche sein.

Tödliche Unfälle – dann handelten Behörden


Der Kampf um ein Tempolimit in Hamburg dauert schon viele Jahre. Während Umweltverbände, Radfahrclubs und Bürgerinitiativen regelmäßig fordern, den Verkehr zu verlangsamen, wehren sich Automobil-, Wirtschafts- und Handwerksverbände dagegen. Die Verkehrsbehörde war lange zögerlich, weitere Tempolimits zu erlassen.
Es mussten häufig erst Menschen sterben, bis sich etwas änderte. Zum Beispiel an der Stresemannstraße in Altona, wo 1991 ein neunjähriges Mädchen überfahren wurde.
Nach Protesten erließ die Verkehrsbehörde wenige Wochen später Tempo 30. Oder an der Bundesstraße in Eimsbüttel, wo 2015 eine Joggerin an einer Ampel totgefahren wurde. Eine Bürgerinitiative forderte ein Tempolimit, wenige Monate später wurde es erlassen.
Dass Tempo 30 in Wohngebieten mehr Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer bietet, scheint mittlerweile unstrittig. Über Vorteile und Nachteile an Hauptverkehrsstraßen gehen die Meinungen weiter auseinander.
Das Elbe Wochenblatt hat den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und die Hamburger Verkehrsbehörde gefragt, ob in Hamburg flächendeckend Tempo 30 gelten sollte.

BUND: „Tempo 30 wirkt“


Fordert man in Hamburg Tempo 30 auf Hauptstraßen oder gar als Regelgeschwindigkeit in der Stadt, sind die Kritiker schnell auf dem Plan. Ideologisch verbrämt, realitätsfern oder wirtschaftsfeindlich sind noch die harmlosen Attribute, die einem dann zuteil werden.
Doch wer ist hier ideologisch verbrämt? Die lautesten Kritiker von Tempo 30 sind wirtschaftsnahe Politiker, Autolobbyisten oder schlicht Menschen – vorwiegend Männer –, die sich ungern vorschreiben lassen wollen, wie tief sie ihr Gaspedal durchdrücken, wenn die Strecke schon mal frei ist. Und – kaum einer gehört zu den rund 130.000 Menschen in Hamburg, die an einer Straße wohnen, an der der gesetzliche Grenzwert für die Lärmbelastung zum Teil weit überschritten wird. Bei dem Luftschadstoff Stickstoffdioxid (NO2) sind es sogar über 200.000 Menschen.
Unbestritten ist, dass Tempo 30 wirkt. Ein aktueller Bericht über eine Pilotphase an Frankfurter Hauptstraßen belegt einen Rückgang der Lärmemissionen um drei Dezibel. Das ist eine Halbierung der sogenannten Schallleistung und auch in der Wahrnehmung der Menschen eine enorme Entlastung.
Auch gegen überhöhte Stickoxid-Belastungen ist Tempo 30 ein probates Mittel. An der Berliner Schildhornstraße führte Tempo 30 zu 15 Prozent weniger Stickoxiden im Vergleich zu Tempo 50. Damit wäre rund die Hälfte der Schadstoffreduzierung, die Hamburg braucht, um seine Grenzwerte einzuhalten, schon geschafft.
Der BUND fordert daher, dass Tempo 30 zumindest überall dort eingeführt wird, wo die gesetzlichen Vorgaben für Lärm und Stickoxide überschritten werden. Darauf haben die Menschen ein Recht.

Paul Schmid, Pressesprecher
BUND Hamburg

Verkehrsbehörde: Belastet Wohnquartiere


„Tempo 30 flächendeckend: Wenn wir das machen, bedeutet das, dass wir die Tempo 30-Zonen, die ja überall eingerichtet sind, wieder zusätzlich mit Verkehren versehen. Wir haben ein hierarchisches Straßensystem, mit Tempo 30 und Tempo 50. Die 50er Straßen ziehen den Verkehr aus den Wohngebieten, weil man da schneller fahren kann. Wenn Sie da Tempo 30 machen, ist völlig klar, was passiert: dann verteilt sich der ganze Verkehr wieder neu auf die Wohnquartiere. Und genau das wollen wir ja verhindern.
Wer an dieses hierarchische Straßensystem rangeht, sorgt dafür, dass Verkehre in die Wohnquartiere zurückgeht. Das sehen natürlich die Menschen, die an den Hauptverkehrsstraßen leben, anders. Aber dann muss man über das Thema Autofahren überhaupt reden.“

Andreas Rieckhof, Staatsrat der Verkehrsbehörde

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Betreff: Tempo 30
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