Baum-Schwund

 
Nabu-Vorsitzender Alexander Porschke. Foto: pr

Interview mit Nabu-Vorsitzendem Alexander Porschke

Carsten Vitt, Eimsbüttel

Hamburgern sind die Bäume in ihrer Nachbarschaft wichtig. Wird abgeholzt, ist die Empörung oft groß – wie neulich am Heußweg in Eimsbüttel, wo für den Umbau der Straße acht Bäume fielen. Das Elbe Wochenblatt sprach mit Nabu-Vorsitzendem Alexander Porschke über die Fäll-Aktion des Bezirksamts.

Elbe Wochenblatt: Ihre Einschätzung: Wurde am Stellinger Weg unnötig gefällt?
Alexander Porschke: Die verkehrliche Begründung – also die Behauptung, dass die Baumwurzeln den U-Bahn-Tunnel und die Straßendecke beschädigen – kann die Baumfällungen nicht rechtfertigen. Da ist man bei der Problemlösung über das Ziel hinaus geschossen.

EW: Bürger fordern, bei jeder Fällung einen Gutachter einzuschalten – halten Sie das für sinnvoll?
Porschke: Der Einsatz von vertrauenswürdigen Gutachtern ist nur bei strittigen Vorhaben nötig. Dann sollten die gutachterlichen Erkenntnisse aber auch nachvollziehbar dokumentiert werden. In unserer Baumschutzgruppe beobachten wir häufig: Wenn Bäume einer Baumaßnahme im Wege stehen, werden von den bezirklichen Baumkontrolleuren praktisch immer irgendwelche Fällgründe gefunden.

EW: Pflegt und erhält das Bezirksamt Eimsbüttel verantwortungsbewusst die Bäume im Bezirk? Oder wird zu schnell abgeholzt, wo es vielleicht gar nicht sein muss?

Porschke: Aus unserer Sicht wird in Eimsbüttel auf Baumpflege grundsätzlich Wert gelegt und man möchte im Normalfall die Bäume erhalten. Stehen jedoch irgendwelche Baumaßnahmen an, wird eine Fällgenehmigung schnell erteilt.
Über die Pflegemaßnahmen lässt sich streiten. In unserer Baumschutzgruppe herrscht die Meinung vor: Da die Äste häufig bis sehr weit nach oben abgeschnitten werden, können die Bäume geschwächt und möglicherweise durch verschmutztes Werkzeug sogar infiziert werden. Werden kranke Äste abgeschnitten, können Pilze und Bakterien beim Astschnitt schnell auf gesunde Bäume übertragen werden. Die Fällungen der nächsten Jahre sind somit programmiert.

EW: Was muss das Bezirksamt besser machen?
Wenn Stadtplaner und Investoren über den Fortbestand der Bäume entscheiden können, sehe ich keine Chancen zur Baumrettung. Hilfreich wäre es, wenn die Bebauung an vorhandenen Baumbestand angepasst werden würde und nicht umgekehrt. In der Praxis wird ein Baugrundstück sonst zunächst von Bäumen „befreit“, damit es optimal oder maximal überplant werden kann. Es wird höchste Zeit gegenzusteuern, bevor im Stadtgebiet die letzten alten Bäume auf den Privatflächen verschwinden.

In Zahlen
Gefällt und nachgepflanzt – die Statistik

Bürger beklagen: In unseren Vierteln verschwinden immer mehr Bäume. Das Elbe Wochenblatt beantwortet die wichtigsten Fragen.

Werden mehr Bäume gefällt als neu gepflanzt?

Ja, insgesamt sinkt die Zahl der Bäume im Bezirk Eimsbüttel. Von 2009 bis 2013 stehen laut Bezirksamt 818 Fällungen 738 Nachpflanzungen gegenüber – macht ein Minus von 80 Bäumen. Neuere Zahlen des Naturschutzbunds (Nabu) zeigen ein noch größeres Missverhältnis: Demnach sind im Herbst/Win-ter 2015/2016 130 Bäume gefällt und 61 nachgepflanzt worden. Im vergangengen Herbst/Winter stehen 78 Fällungen nur 29 Nachpflanzungen gegenüber.

Welche Bäume werden in der Statistik erfasst?

Das Bezirksamt veröffentlicht regelmäßig Listen, wie viele Bäume im Straßenraum und in Parks gefällt werden. Es gibt aber eine unbekannte Dunkelziffer. Fällungen auf Privatgrundstücken werden vom Amt nicht mitgezählt. Und es wird nicht extra erfasst, wie viele Bäume für Bauvorhaben umgehauen werden. Im Sommer 2014 fielen allein auf dem Schulhof des Gymnasiums Hoheluft 53 Bäume für einen Neubau. Hamburg Wasser hat Anfang 2014 am Weidenstieg etwa 25 Bäume gefällt und dieses Frühjahr weitere 21 für Sielbauarbeiten in der Bismarckstraße.

Wenn nachgepflanzt wird, ist doch alles in Ordnung, oder?
Na ja. Ein gesunder großer Baum ist für das Klima in der Stadt viel wichtiger als Dutzende Jungbäume. Denn diese brauchen Jahrzehnte, um zu wachsen und annähernd so viel Luft filtern zu können wie ein alter Baum. Zudem wächst nur ein geringer Teil der nachgepflanzten Bäume zu einer stattlichen Größe heran, viele gehen vorher ein – oder werden vielleicht für neue Bauvorhaben gefällt.
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