„Als Muslimin lebe ich die Vielfalt – es ist der einzige Weg“

Autorin Emina Kamber setzt sich für einen offenen Dialog ein

Nach den tödlichen Anschlägen auf eine Satire-Zeitschrift und einen jüdischen Supermarkt in Paris geht bei vielen Menschen die Angst um. Die Mörder von Paris waren radikale Islamisten, nun stehen eine Religion und ihre Gläubigen unter Generalverdacht. Emina Kamber aus Eimsbüttel ist Autorin, Künstlerin – und Muslimin. Redakteur Carsten Vitt sprach mit ihr.

Frau Kamber, haben Sie den Eindruck, dass Sie sich derzeit für ihren Glauben rechtfertigen müssen?
Nein, dafür muss ich mich nicht rechtfertigen. Ich habe als Muslimin mit den Taten von Paris nichts zu tun, aber ich bin davon stark betroffen. Ich trauere um die ermordeten unschuldigen Menschen und um ihre Familien. Ich bin als Muslimin in einem vielfältigen, friedlichen Umfeld aufgewachsen, in dem jeder seine Individualität leben konnte. Das habe ich bisher auch in Deutschland erlebt. Aber derzeit wird mir diese Gesellschaft fremder.

Warum?
Wegen der islamfeindlichen Pegida-Demonstrationen und der wachsenden Vorbehalte gegenüber Muslimen. Ich bin in Zentralbosnien aufgewachsen, in einer Familie voller Vielfalt und unterschiedlicher Religionen, in der wir keine Unterschiede kannten. Mit 19 Jahren kam ich nach Hamburg, es hieß damals: „Hier bin ich, hier darf ich sein!“ Nun erfahre ich, dass es Unterschiede gibt. Ich weiß nicht mehr, wo ich hingehöre.

Was ist Ihr Weg?
Ich will klarmachen, dass wir ohne Vielfalt in der Gesellschaft nicht leben können. Wir wollen Pizza essen, in fremde Länder reisen, wir fahren japanische Autos. Wir brauchen Dialog, Verständnis und Kommunikation, um die Angst vor dem Fremden aus uns raus zu kriegen. Der Frieden ist die einzige Lebensform, dafür müssen wir uns einsetzen.

Was kann man machen, damit benachteiligte Jugendliche nicht zu möglichen Dschihadisten werden?
Wir brauchen Jugendarbeit, um ihnen Perspektiven zu geben. Musik, Literatur, Theater können etwas bewirken. Ich arbeite seit 14 Jahren mit Jugendlichen zusammen und erfahre immer wieder, wie wichtig es ist, die Persönlichkeiten, den Individualismus zu stärken. Wer zeigen darf, was er draufhat, und dafür anerkannt wird, wird nicht in Hass verfallen.

Zur Person
Emina Kamber ist freie Autorin, Journalistin und Übersetzerin. Geboren und aufgewachsen in Zentralbosnien, ging sie 1968 nach Hamburg. Emina Kamber ist Herausgeberin mehrerer Bücher über den jugoslawischen Bürgerkrieg. 1988 gründete sie den internationalen Literaturclub „La Bohemina“, Schriftstellerkollegen aus 38 Ländern organisieren ähnliche Veranstaltungen in ihren Heimatländern. In Hamburg ist die Autorin in der Kirchengemeinde St. Markus aktiv, bietet dort Lesungen und Diskussionsabende an. Zudem arbeitet Kamber seit mehr als 14 Jahren an Austauschprojekten mit deutschen und bosnischen Jugendlichen mit.
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