Als Hagenbeck noch Menschen ausstellte

Als bei Hagenbeck in Stellingen auch Menschen ausgestellt wurden: Eine Postkarte mit einer äthiopischen Familie aus dem Jahr 1909. (Foto: Sammlung Crieur Public)

Völkerschauen in Stellingen: Wie Wissenschaftler das heute sehen

Es war ein Spektakel und eine gute Einnahmequelle: Der Hamburger Tierhändler Carl Hagenbeck ging Ende des 19. Jahrhunderts auch mit Menschen auf Tournee. Südamerikaner, Afrikaner, Eskimos und Inder stellte Hagenbeck aus – ab 1907 im Tierpark in Stellingen. Wissenschaftler nehmen diese Völkerschauen heute kritisch unter die Lupe: Sie nennen das Menschenzoos.

Sie gibt einem Prinzen aus Kamerun eine Stimme, der Ende des 19. Jahrhunderts als „Wilder“ bei Hagenbeck vorgeführt wurde. Jessica Köster hat ein fiktives Tagebuch geschrieben, das ein Schlaglicht auf koloniales Denken in Hamburg wirft. Dafür wurde die Abiturientin mit dem Bertini-Preis ausgezeichnet.
Ein Eintrag im Tagebuch: „Die Arbeit im Zoo ist dumm. Heute mussten wir Kostüme mit Baströckchen anziehen. Wir sahen aus wie 'Wilde'!“ Prinz Samson Dido aber gab es wirklich: Der junge Mann kam 1886 mit einem kleinen Gefolge aus Kamerun nach Hamburg. Er hatte einen Vertrag mit Carl Hagenbeck, sollte an dessen Völkerschauen teilnehmen. „Es ging nicht darum, andere Kulturen vorzustellen, die Teilnehmer mussten nur etwas einstudieren, es war eine Inszenierung“, fand die Schülerin bei ihren Recherchen heraus.
Wie fühlt und denkt ein junger Afrikaner, der in Deutschland ausgestellt wird? Jessica Köster, deren Mutter aus Ghana stammt, ließ diese Frage nicht mehr los. „Ich fand das ergreifend und interessant“, sagt die 20-Jährige. Ihr Tagebuch schrieb sie im Rahmen des Projekts „Weiße Flecken der Erinnerung“, an dem ihre Profilklasse voriges Jahr teilgenommen hatte. Thema: koloniale Spuren in Hamburg.
Die Völkerschauen von Hagenbeck und anderen Unternehmern sind Thema mehrerer wissenschaftlicher Bücher – zuletzt hat eine internationale Forschergruppe Ergebnisse in dem Buch „Menschenzoos“ zusammengefasst (siehe unten). Die Wissenschaftler untersuchen, wie die Ausstellungen Bilder von der Überlegenheit und Unterlegenheit bestimmter Völker und „Rassen“ verfestigten. Hagenbeck zeigte Inuit, Samen, Afrikaner und Inder, ab 1907 waren die „fremden Völker“ im Stellinger Tierpark zu sehen. Es war ein exotisches Spektakel, es brachte dem Hamburger Tierhändler viel Geld ein. Das kritische Fazit der Forscher: Die Völkerschauen bestätigten und verfestigten rassistische Vorurteile und Stereotype – und rechtfertigten so die Kolonialpolitik mit.

Mit dem Bertini-Preis
werden junge Hamburger für besonderes Engagement und Zivilcourage ausgezeichnet. Der Name geht auf den Roman „Die Bertinis“ zurück. Schriftsteller Ralph Giordano schilderte darin die Geschichte seiner jüdischen Familie während des Nationalsozialismus.


Buchtipp:
Pascal Blanchard und andere (Herausgeber):
Menschenzoos - Schaufenster der
Unmenschlichkeit
Les éditions du Crieur Public
ISBN: 9783981506204
Preis: 34,99 Euro
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