Als Freundinnen sich fremd wurden

Szenen von Nähe und Distanz: Tanzaufführung im historischen Klassenraum der Israelitischen Töchterschule mit Cydney Watson und Schülern.
 
Szenen von Nähe und Distanz: Tanzaufführung im historischen Klassenraum der Israelitischen Töchterschule.
Hamburg: Israelitische Töchterschule |

Karolinenviertel: Tanzchoreografie zu deutsch-jüdischer Geschichte in der Israelitischen Töchterschule

Dies ist der Ort. Das Klassenzimmer, in dem jüdische Schülerinnen Ende der 30er Jahre von Briefen ihrer Freundinnen hörten. Von Mädchen, die mit ihrer Familie bereits geflohen waren vor dem Judenhass und Terror der Nationalsozialisten. Israelitische Töchterschule, Karolinenviertel: Hier wird diese Geschichte an diesem Abend auf besondere Weise erzählt – mit einer Tanzchoreografie und einer Lesung.
Steffi Wittenberg ist ein Ankerpunkt der Erzählung. Die im Frühjahr verstorbene Zeitzeugin ging in den 30er Jahren in die Töchterschule, hatte Briefe ihrer ehemaligen Schulfreundinnen aus dieser Zeit aufbewahrt. Die Mädchen berichten darin von Sorgen und Nöten. Vom Ringen um Visa für die Ausreise, von Nazi-Lehrern, die nach der Pogromnacht im November 1938 mit ihren Taten prahlten. „Die Klasse wird immer leerer“, schreibt eine Schülerin aus der Karolinenstraße. Die Briefe sind ein zeitgenössischer Schatz an Schilderungen – Stella Jürgensen trägt Passagen daraus vor.

Geschichte des Orts war einfach erdrückend

Der zweite Ankerpunkt der Erzählung ist die Tanz-Aufführung, die US-Choreografin Hannah Schwadron und ihr Team mit Schülern der Ida-Ehre-Schule einstudiert hat. Im historischen Klassenraum stellen sie Gefühle von Verlust, Trennung und Sehnsucht in Tanzbildern dar. Mal schnell und dynamisch, rhythmisch im Takt der treibenden Musik, mal zurückhaltend, verzögert, wie ausgebremst. Einzelne Tänzerinnen lösen sich aus der gleichförmig gekleideten Klasse, nähern sich einzelnen Schülern und lassen dann wieder los. Eindringliche Bilder von Nähe und erzwungener Distanz.
Die Aufführung sollte den Bogen schlagen von den historischen Erfahrungen der jüdischen Schülerinnen zu Ausgrenzung und Diskriminierung heute. Doch in der Gedenkstätte, umgeben von Räumen und Inventar mit geschichtlicher Präsenz, war gar kein Platz, um einen Bezug zum Heute herzustellen. Der historische Ort war einfach erdrückend.
Dennoch: Hannah Schwadron und den Schülern gelang ein sinnlicher poetischer Beitrag zu deutsch-jüdischer Erinnerungskultur, der wahrscheinlich länger im Gedächtnis bleibt als jeder Vortrag oder Gedenkstättenbesuch.

Gedenkstätte Israelitische Töchterschule

Ein Klassenzimmer, wie es in den 30er Jahren in etwa ausgesehen haben muss. Tische aus dunklem Holz, der Dielenboden knarzt, altmodische Karten und Tafeln an der Wand. Israelitische Töchterschule, Karolinenstraße 35 – das war eine der letzten Adressen, an der jüdische Schüler noch unterrichtet wurden. Ein Ort der Zuflucht – und schließlich der Vertreibung: 1942 schlossen die Nationalsozialisten die Schule, die verbliebenen Schüler und Lehrer wurden deportiert und ermordet. Die Gedenkstätte gibt es seit Ende der 80er Jahre. Sie umfasst den historischen Klassenraum und eine multimediale Ausstellung zu jüdischem Schulleben in den 30er Jahren. Zudem werden Rundgänge und Seminare zu deutsch-jüdischer Geschichte angeboten. Die Gedenkstätte unter der Leitung von Erika Hirsch gehört zur Hamburger Volkshochschule.
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