Als die "Fischbahn" nach Langenfelde fuhr

Jürgen Husmann (75) ist in Stellingen groß geworden und findet manche Entwicklungen im Stadtteil nicht so glücklich: „Aus einer reinen Wohngegend ist mehr und mehr ein Industriegebiet geworden.“

Zeitzeugen: Jürgen Husmann erinnert sich an das alte Stellingen

Die Nummern der Straßenbahnlinien weiß er noch alle auswendig. Auf einem Schottergleis rumpelten die Waggons die Kieler Straße entlang - die 3 raus nach Eidelstedt und in der anderen Richtung über den Langenfelder Damm, die Müggenkampstraße und Osterstraße nach Eimsbüttel. Die 33 fuhr bis nach Harburg, die 16 bis zu Hagenbeck. An den Geruch in der Linie 35 kann sich Jürgen Husmann genau erinnern: „Das war die Fischbahn. Damit fuhren die Angestellten der Fischfabrik Kähler an die Warnstedtstraße. Und die rochen!“
Husmann ist in Stellingen aufgewachsen. Wo heute der Verkehr auf sechs bis acht Spuren über die A 7 rauscht, sauste er als Kind mit seinen Freunden in Kornfeldern rum. Seit 1947 lebt Husmann in Stellingen, seine Familie war im Krieg in Winterhude ausgebombt worden – sie kamen beim Urgroßvater am Försterweg unter. Der junge Jürgen ging auf die Schule Rellinger Straße, später in die Eduardstraße. „Da durfte ich als einziger mit dem Fahrrad hinfahren, weil es so weit war.“ Das Floh-Kino am Stellinger Steindamm, die Gaststätte „Altes Forsthaus“ am heutigen S-Bahnhof Langenfelde, das Vereinslokal „Zur Eiche“ vom Fußballclub „Wespe“ am Basselweg, der Kohlenhöker und die Tankstelle am Langenfelder Damm: Er kann sich noch an viele Dinge erinnern, die es heute nicht mehr gibt. Lausbubengeschichten gehören natürlich auch dazu. Einmal wollten die Jungs ganz groß sein: Zigarre rauchen, mit 13! „Da waren wir hinterher ganz grün im Gesicht“, lacht Husmann.
Er wuchs im sozialdemokratischen Milieu auf. Der Opa war Maurer, der Vater Barkassenführer. Der Junge ging zu den Falken, der sozialistischen Jugendorganisation. „Wir waren alle rote Socken, rund um die Molkenbuhrstraße wohnten nur Sozis. Am Gazellenkamp gab es einen riesengroßen Festsaal – da waren am 1. Mai immer große Feiern, wir mit dabei!“
Dem alten Dorf hat er für Bundeswehr und Beruf für ein paar Jahre den Rücken gekehrt. Er lernte Motorenschlosser, bildete sich weiter zum Maschinenbautechniker, arbeitete unter anderem bei der Lufthansa. Seit 1981 hat er ein Haus an der Volksparkstraße. Aber es ist anders heute in Stellingen. „Das Soziale ist verlorengegangen, viele Menschen sind sehr res-pektlos. Und es ist eine Gier entstanden in Stellingen.“ Da hat er zum Beispiel vor Augen, dass auf den jetzigen Sportplätzen in der Nähe der Kieler Straße Wohnungen gebaut werden sollen. „Und dieser Wahnsinnsverkehr! Aus einer reinen Wohngegend ist mehr und mehr ein Industriegebiet geworden. Gut leben kann man hier nicht mehr.“
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