Als die Autobahn noch eine Spielwiese war

Als Vierjährige spielte Melitta Liebel an der Stelle, die jetzt täglich von Tausenden von Autos passiert wird. Foto: pr

Stellinger erinnern sich an die Zeit vor dem Bau der A 7

Von Reinhard Schwarz, Stellingen – Schneebedeckte Wiesen, im Hintergrund ein paar Häuser. Vorne steht ein Schneemann, ein Mädchen herzt ihn. Melitta Liebel (62) blickt lächelnd auf das Foto von ihr aus den 50er Jahren. „Die heutige Autobahn war damals eine riesige Wiese, da haben wir als
Kinder gespielt“, erzählt die
Stellingerin. „Wir haben dort Kindergeburtstage gefeiert.“ Geschichten aus einer anderen Zeit, als es die Autobahn noch nicht gab. Bewohner des Imbekstiegs erinnern sich. Heute braust neben ihren Häusern der Verkehr, tausende Fahrzeuge täglich.
Die Reihenaussiedlung, die ab 1953 gebaut wurde, war einmal eine Idylle. Mit einer Wiese. „Die Nachbarn hatten dort Gärten angelegt und Gemüse geerntet“, sagt Jürgen Gesewsky (74), der 1956 einzog. „Der Wördemannsweg war ein Feldweg, der von Lastwagen nur einspurig befahren werden konnte“, erinnert sich Else Böbel (89).
„Das ideale Wohnen im Grünen“ – mit dieser Werbung lockte das gewerkschaftseigene Wohnungsunternehmen Neue Heimat 1955 junge Familien an den Imbekstieg, der zunächst noch Wördemannsweg, Nebenweg 1, hieß. Zweigeschossige Häuser mit zwei bis drei Zimmern wurden zum Verkauf angeboten.
Keiner konnte sich damals vorstellen, dass aus dieser Idylle eine lärmende Autobahn werden würde. „Beim Kauf der Häuser stand auf dem Bebauungsplan Stellingen, dass eine ‚ländliche Umgehungsstraße’ geplant sei“, so Liebel, die schon längst ausgezogen ist. Mittlerweile wohnt ihr Enkel in dem Reihenhäuschen.
Aus der 1961/1962 gebauten „ländlichen Umgehungsstraße“ wurde 1963 eine vierspurige Schnellstraße Richtung Pinneberg, die Bundesstraße 5. Aus der vierspurigen Schnellstraße entstand 1974 eine sechsspurige Autobahn. Fortan blickten die Anwohner auf eine Lärmschutzwand, wenn sie in ihre Gärten schauten.
Es könnte noch schlimmer kommen. Denn für den erneuten Ausbau der A7 sollen wieder die Gärten verkleinert werden. Die ländliche Idylle ist längst zerstört. Den Stellingern bleibt nur die Erinnerung daran. Mit ein paar nostalgischen Fotos.

Kampf um Lärmschutz
Der Ausbau der Autobahn 7 ist auch eine Geschichte des Kampfes. Schon in den 70er Jahren mussten Bewohner des Imbekstiegs den Behörden eine Lärmschutzwand abtrotzen. „Wir hatten damals Einspruch eingelegt und dadurch den Lärmschutz erstritten“, sagt Gesewsky. Knapp 400 Mark als einmalige Zahlung erhielt jeder Hausbesitzer für die Beeinträchtigungen durch den Autobahnbau. Keinen Pfennig gab es für den Verlust an Lebensqualität und die Zerstörung des dörflichen Zusammenlebens. Und heute? Kämpfen sie immer noch. Die A7 soll in Stellingen auf zehn Spuren verbreitert werden und in einem Tunnel verschwinden, dem sogenannten Deckel. Eine Bürgerinitiative ringt seit Jahren mit städtischen Behörden und Planern um eine verträgliche Lösung. Ausgang: ungewiss. RS/CV
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