Alles von gestern? Jugendmedienschutz im digitalen Zeitalter

Im Februar 2013 fand im Kulturhaus Sternchance ein gut besuchter Doppelvortrag zum Thema Jugendschutz/Jugendmedienschutz-Staatsvertrag statt, organisiert von der Piratenpartei Hamburg. Für alle, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, ist das Thema wichtig; sind doch Eltern, Lehrer, Erzieher und Ausbilder gehalten, auf die Beachtung des Jugendschutzes täglich zu achten.

Vereinfacht gesagt, zerfällt der Kinder- und Jugendmedienschutz momentan in zwei Teile: Einem traditionellen, auf analoge Medien wie Bücher, Filme oder Magazine, der sich innerhalb der analogen Grenzen einigermaßen bewährt hat und einem für digitale Medien, der versucht, modern zu sein, aber an den Anforderungen zeitgemäßer Ausgestaltung scheitert.

Traditionell stufen Herausgeber von Medien (vom Buch bis zum Computerspiel) ihre Produkte selbst ein, daneben gibt es die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien und die Kommission für Jugendmedienschutz, die Werke indizieren oder verbieten können. Sie fungieren auch als Korrektiv der Selbsteinschätzung durch die Hersteller oder können Werke, die als nicht geeignet erachtet werden, indizieren.

Die Einhaltung der Vorschriften zum Jugendschutz obliegt Händlern, Erziehern, Lehrern und dem Elternhaus. Letztem kommt traditionell eine gewichtige Rolle bei der Einschätzung, was ihre Kinder konsumieren dürfen, zu, die vom Grundgesetz gestützt wird - ist doch das Elternhaus die einzige Stelle, in der die Entwicklung des Kindes individuell adäquat berücksichtigt werden kann. Schließlich orientieren sich die Einstufungen der Selbstkontroll- und der staatlichen Gremien an Durchschnittswerten, die in etwa so realistisch sind wie die deutsche Durchschnittsfamilie mit ihren 1,6 Kindern. Sehr konservative und sehr liberale Kreise korrigieren beispielsweise diese Einstufung gemäß ihrer familiären Grundsätze, und der Entwicklungsstand des eigenen Nachwuchses bedarf auch einer individuellen Einschätzung. Lehrer und Erzieher hingegen, die mit Gruppen von Kindern oder Jugendlichen arbeiten, werden sich an die Einstufungen halten, und der Händler verkauft im Idealfall kein nicht altersgerechtes Material an minderjährige Kunden.

Jugendliche sind so


Gerade Jugendliche müssen und wollen ihre eigenen Erfahrungen machen, sich ihre eigene Meinung bilden und ihren eigenen Weg finden. Dazu gehört auch das Austesten von Grenzen und in diesem Zusammenhang auch das Konsumieren von nicht altersgerechten Medien. Dies war im analogen Zeitalter nicht anders, und gerade liberalere Eltern begegneten seit jeher diesen Bestrebungen mit einer gewissen Toleranz, das heißt: Solange es nicht überhandnahm, wurde der nicht jugendfreie Film, das Spiel, das Buch toleriert und gegebenenfalls begleitet konsumiert, und der Jugendliche konnte so innerhalb der gesteckten Grenzen seine Erfahrungen auch mit Medien machen, die nicht für seine Altersgruppe gedacht sind. Die Grenzen zwischen Erlaubtem und Verbotenem sind natürlich fließend und müssen ständig neu verhandelt werden. Sie sind von vielen Faktoren abhängig: wie konservativ oder liberal das Elternhaus ist, von der Reife der Jugendlichen und von individuellen Wertesystemen. Dies hat sich bei analogen Medien bewährt und tut dies auch in der digitalen Welt.

Eine technische Lösung für ein soziales Problem


Inzwischen gibt es Filtersoftware von unterschiedlichen Anbietern, einige sogar staatlich zertifiziert, die als ungeeignet erachtete Inhalte aus dem Internet von Jugendlichen fernhalten sollen. Sie sind kostenlos zum Download verfügbar und werden interessanterweise oft von Anbietern der sogenannten "Erwachsenenunterhaltung" programmiert. Wer diese Filter redaktionell bearbeitet, also wer dafür zuständig ist, die Inhalte im Internet filtertauglich zu kategorisieren, die vom Ersteller der Seite mit einer solchen Kennzeichnung nicht ausgestattet sind, ist unbekannt (immerhin betrifft dies die meisten kommerziellen und fast alle privaten Angebote im Internet). Damit kennen wir auch nicht die Qualifikation der Menschen, die für die Einhaltung des Jugendschutz im Internet zuständig sind. Unbekannt ist ebenso, wie viele Leute dieser Aufgabe nachkommen und mit welcher Effizienz.

Hinzu kommt, dass es angesichts eines dynamischen und schnelllebigen Mediums wie dem Internet unmöglich ist, das weltweite Angebot unkategorisierter Seiten vollständig zu erfassen oder zu bearbeiten, selbst wenn man sich auf deutschsprachige Seiten beschränkt. Außerdem bedarf die Filtersoftware auf dem heimischen Rechner beständiger Pflege und regelmäßiger Updates und kann leicht und im Internet nachlesbar (haha) umgangen werden, auch von Kindern.

Der gewichtigste Punkt, der gegen das Delegieren der eigenen Sorgfaltspflicht gegenüber dem Nachwuchs im häuslichen Bereich spricht, ist, dass man Erziehungsfragen einer mehr oder weniger dubiosen Filtersoftware überlässt, also das eigene Gehirn ausschaltet, sobald der Filter aktiv ist. Der übrigens im Zweifelsfall von einer Regierung zertifiziert wurde, die von netzpolitischen Fragen praktisch keine Ahnung hat.

Mit dem Verständnis der analogen Medien gegen das Internet


Die Bestrebungen, Jugendschutz per Software im Internet durchzusetzen, zeigen deutlich, dass der Gesetzgeber von dem Wesen der analogen Medien ausgeht. Wenn ein Film oder ein Buch aus der Sparte Erwachsenenunterhaltung an einen Jugendlichen abgegeben werden, kann der Händler oder Verleiher belangt werden. Bei digitalen Kopien von Software (E-Books, Musik, Filme, Spiele) ist das schwieriger oder unmöglich. Auch die für analoge Medien probaten Mittel von Auslieferungsverboten, Auflagenbeschlagnahmungen und Verkaufsstopps helfen nicht weiter: Der Inhalt hat sich im Internet oder via Datenträger längst viral verbreitet. Nachdem man den zuständigen Politikern in einem mühsamen Erklärungsprozess beigebracht hat, dass "Sendezeiten im Internet", wie sie der Entwurf des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags von 2010 noch vorsah, völlig am Wesen des Mediums vorbeigehen, steht nun das zähe Diskussion um die Sinnhaftigkeit von Filtermechanismen im Internet an.

Was tun?


Da das Internet nicht kontrollierbar ist (zumindest nicht mit rechtsstaatlichen Mitteln und nicht von einem Staat, der sich der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verschrieben hat), hilft nur das, was sich schon in der Welt der analogen Medien bewährt hat.
Kinder (im juristischen Sinn, also bis 14 Jahre) sollten Medien nicht unkontrolliert oder unbeaufsichtigt verwenden. Das heißt, dass sie nur Zugang zum Internet haben, wenn jemand zumindest ein Auge auf das surfende Kind hat.
die Erziehungsberechtigten entscheiden, was altersgerechte Unterhaltung für ihr Kind ist.
Erziehungsberechtigte müssen mit den Medien umgehen können, deren Konsum sie kontrollieren. Kinder und Jugendliche müssen lernen, mit den Medien umzugehen, die sie nutzen. Das bedeutet den Erwerb von Medienkompetenz für alle Beteiligten.
Jugendliche (im juristischen Sinn, also ab 14 Jahre) brauchen ein gewisses Maß an Begleitung bei ihrem Medienkonsum. Das schließt die Diskussion über Inhalte ein.

Fazit: Wir brauchen einen zeitgemäßen Jugendschutz, der dem Medium Internet mit seinen Möglichkeiten sowie der prinzipiell unbegrenzten digitalen Verbreitung von Inhalten Rechnung trägt. Die Entscheidung, welche Inhalte für ein Kind oder einen Jugendlichen geeignet sind, ist Sache einer innerfamiliären Regelung, die nicht an eine Filtersoftware delegiert werden darf. Erziehungsfragen sind mit technischen Mitteln nämlich nicht zu lösen.

Dieser Artikel wurde zuerst in leicht erweiterter Form hier veröffentlicht.
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