Mängel beim Brandschutz?

Für Hochhäuser gilt in Deutschland seit langem der Grundsatz, dass Fassaden und Fassadendämmungen nicht brennbar sein dürfen. Nach früheren Regelungen waren Ausnahmen möglich. Foto: panthermedia

Eigentümer aller 611 Hamburger Hochhäuser zur verbauten Fassadendämmung befragt – die Überprüfung soll bis zum Jahresende abgeschlossen sein

Olaf Zimmermann, Hamburg-Süd


Mindestens 80 Menschen sind vor einigen Wochen bei dem verheerenden Hochhausbrand in London ums Leben gekommen. Das Feuer hatte sich rasend schnell an der Fassade ausgebreitet. Kann sich so eine Katastrophe auch in Hamburg ereignen? „Bei Einhaltung der seit Jahrzehnten geltenden hohen Sicherheitsstandards nach menschlichem Ermessen nicht“, sagt Magnus Kutz, Sprecher der zuständigen Stadtentwicklungsbehörde.Als Hochhäuser gelten Gebäude, bei denen der Fußboden des obersten Geschosses mehr als 22 Meter über der Geländeoberfläche liegt. In Hamburg gibt es derzeit 611 Hochhäuser, 230 davon sind reine Wohnhäuser, 285 Bürogebäude, 96 haben eine Misch-nutzung. Die meisten Hochhäuser stehen im Bezirk Mitte (359). In Altona finden sich 48 Hochhäuser, in Wandsbek 64, in Nord 47, in Bergedorf 24, in Harburg 29.
Wer ist zuständig beim Brandschutz? In erster Linie trägt der Eigentümer die Verantwortung, dass sein Gebäude brandsicher ist. Im Rahmen des Baugenehmigungsverfahrens setzen die Bauprüfämter der Bezirke die Einhaltung der Brandschutzvorschriften durch. Will ein Eigentümer die Fassade seines Hochhauses dämmen, benötigt er dafür eine Genehmigung des jeweiligen Bezirks.
„Die Feuerwehr kennt nicht die Beschaffenheit aller Hochhausfassaden in Hamburg. Wir beabsichtigen auch nicht, die Hochhausfassaden in Augenschein zu nehmen. Dies ist nicht Aufgabe der Feuerwehr“, teilt Feuerwehrsprecher Werner Nölken mit.

Die technischen Anlagen in Hochhäusern werden alle drei Jahre von Prüfsachverständigen unter die Lupe genommen. Alle fünf Jahre führt die Feuerwehr so genannte Brandverhütungsschauen durch. „Lediglich bei zwei Objekten wird die Frist aufgrund von Personalausfällen zurzeit geringfügig überschritten“, sagt Behördensprecher Kutz.Um einen genauen Überblick zu bekommen – und um die Bauprüfämter in den Bezirken zu entlasten – hat die Stadtentwicklungsbehörde jetzt die Eigentümer aller 611 Hamburger Hochhäuser angeschrieben und wegen der am Gebäude verbauten Fassadendämmung befragt. So sollen eventuelle Mängel im Brandschutz festgestellt werden. „Bis Jahresende wird diese Überprüfung voraussichtlich abgeschlossen sein“, so Magnus Kutz.
Ein Beispiel aus Harburg: Beim Silo am Schellerdamm, einem der schönsten Gebäude im Harburger Binnenhafen, arbeitet der Eigentümer CLS Germany Management nach eigenen Angaben zwar mit einer Brandschutzbeauftragten zusammen, möchte aber keine Stellungnahme zur Fassade des Silos abgeben.

Brandschutz für normale Häuser
Die Brandschutzanforderungen sind abhängig von der Höhe der Gebäude und von technischen Fragen, etwa ob die Außenwände statisch tragende Wände sind. Bei Gebäuden mit einer Fußbodenhöhe von mehr als sieben Metern müssen nicht tragende Außenwände entweder aus nicht brennbaren Baustoffen bestehen oder mindestens feuerhemmend sein. Die Oberflächen dieser Außenwände müssen schwer entflammbar sein.
Bei Gebäuden mit einer Fußbodenhöhe von nicht mehr als sieben Metern (z.B. Einfamilienhäuser oder Doppelhäuser) dürfen für Fassaden generell brennbare Materialien verwendet werden.
Die Brandschutzanforderungen in Hamburg entsprechen der mit den Feuerwehren abgestimmten Musterbauordnung, an der sich alle Bundesländer orientieren.

Brandschutz für Hochhäuser
Für Hochhäuser, die jetzt in Hamburg gebaut werden, gelten folgende Regeln: Alle tragenden und aussteifenden Bauteile wie zum Beispiel Wände, Stützen und Decken müssen feuerbeständig gebaut sein. Außenwände müssen in allen ihren Teilen aus nichtbrennbaren Baustoffen bestehen. In Hochhäusern bis zu 60 Meter Höhe müssen zwei Treppenhäuser, in Hochhäusern mit mehr als 60 Meter Höhe müssen Sicherheitstreppenhäuser vorhanden sein, in die kein Feuer und Rauch eindringen kann. Für zügige Rettungs- und Löschmaßnahmen müssen Hochhäuser mit einem Feuerwehraufzug und Wandhydranten in jedem Geschoss ausgestattet werden.

Bei bereits bestehenden Hochhäusern waren gemäß §28 der Hamburgischen Bauordnung (HBauO) von 1986 an Außenwänden oder deren Verkleidungen auch „normal entflammbare Unterkonstruktionen“ möglich. Seit 2008 gelten laut „Bauprüfdienst 1/2008“ strengere Anforderungen.
„Die ältere Ausführung ist auch aus heutiger Sicht sicher. Die so genehmigten Häuser unterliegen dem Bestandsschutz. Es besteht keine Veranlassung, eine generelle Nachrüstung zu fordern“, sagt Thomas Östreicher, Sprecher der Stadtentwicklungsbehörde.
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