Lurup: Schlimme Ecke in einer tollen Stadt?

Quentin Arts aus Tours in Frankreich – hier vor dem Pressehaus in Harburg – war neun Wochen lang Praktikant beim Wochenblatt. Der Job gefiel ihm richtig gut ... bis er nach Lurup geschickt wurde, um eine Umfrage zu machen.
 
Wochenblatt-Praktikant Quentin Arts.

Ein junger Franzose, Praktikant beim Wochenblatt,
berichtet von seinem Versuch, in Lurup eine Umfrage zu machen

Von Quentin Arts und Christiane Handke.

Zugegeben: Die Umfrage ist der Härtetest für die Wochenblatt-Praktikanten. Aber machen muss sie jeder: Mit einer Frage auf die Straße gehen, fremde Leute anquatschen. Sie nach Namen und Beruf fragen und sie fotografieren. Praktikantinnen mit langen blonden Haaren schaffen das locker - Jungs haben mehr Probleme. Da dauert es manchmal sechs Stunden, um vier Leute dazu zu bewegen, einen Satz zu sagen und ihr Gesicht fürs Wochenblatt ablichten zu lassen. Aber geschafft haben es bisher alle.
Alle außer Quentin.
Unser Praktikant Quentin aus Tours in Frankreich. 23 Jahre alt, studiert, charmant, intelligent, gut aussehend. Der erste, der nach zwei Tagen vor Ort ohne eine einzige Antwort, ohne ein Foto wieder in die Redaktion zurückkam.

Hier ist sein Bericht:

„Ich denke: Das wird einfach sein. Die Leute in Hamburg sind gut gelaunt. Aber jetzt stehe ich beim Lurup Center, ganz allein, mit meinem Kugelschreiber und Papieren, Fotoapparat in der Hand, und hab ein komisches Gefühl. Meine Frage: ‘Sind Sie dafür oder dagegen, dass die Olympiade nach Hamburg geholt wird?’
Die erste Person ist die schlimmste, denke ich
Zuerst eine alte Dame: ‘Hallo, ich muss eine kleine Umfrage fürs Elbe Wochenblatt machen, hätten Sie eine Minute?’ Sofort eine kalte Antwort: ‘Nein! Ich habe keine Zeit!’ Ich sage höflich Danke und Tschüss. Die erste Person ist die schlimmste, denke ich, und versuch es bei der nächsten älteren Dame anders: ‘Hallo, könnten Sie mir bitte helfen?’ ‘Ja?’, antwortet sie. ‘Ich mache eine Umfrage für ...’ Sobald ich ‘Umfrage’ gesagt habe, schneidet sie mir mit einem lauten ‘Nein!!!!!’ das Wort ab.
Ich denke: ‘Alter Drachen. Hm… vielleicht sind die alten Leute heute nicht gut gelaunt’ und entscheide mich, Jüngere zu fragen. Drei Mädels: ‘Hallo, ich bin französischer Praktikant für das Elbe Wochenblatt und brauche eure Meinung für eine kleine Umfrage, es dauert nur eine Minute’. Eine schlechte Idee. Die drei gucken genervt und antworten ganz kalt: ‘Die Minute ist schon vorbei!’ Dann lachen sie. ‘Ach kommt’, sage ich, ‘könnt ihr mir bitte helfen, es geht um die Olympiade...’ ‘Die ist uns wirklich scheißegal.’ Das ist auch eine Meinung, denke ich, und frage, ob ich ein Foto machen darf. Aber da kommt’s ganz schlimm: ‘Spinnst du oder was?! Du und deine Scheißumfrage!’
War irgendetwas nicht in Ordnung mit mir?
Ich habe danach etwa 30 Personen gefragt, einige waren besser gelaunt, aber wenn das Thema auf Fotos kam, kriegte ich immer ein ‘NEIN!!!’ zurück. Warum will man sein Foto nicht in der Zeitung haben? Verstehe ich nicht … Vielleicht ist das eine Luruper Tradition? Und die Antworten! ‘Keine Zeit!’, ‘Das Thema ist doch Scheiße’, ‘Lassen Sie mich in Ruhe!’, ‘Verpiss dich!’ und so weiter... War irgendwas nicht in Ordnung mit mir? Keine Ahnung. Jedenfalls passen die Luruper perfekt in die alten Klischees, die viele Franzosen von den Deutschen haben: aggressive Antworten, Arroganz und schlechte Laune: ‘Schnell, Schnell! Scheißumfrage! Disziplin! Ordnung! Aufräumen! Durchsetzen!’
Aber aufgeben wollte ich nicht. Einige Tage später war ich wieder dort, hatte mich extra gut gekleidet, mit schicken Klamotten. Trotzdem gab es die gleichen Probleme. Leute, die schreckliche Antworten gaben, keiner hatte gute Laune … Genau das Gegenteil von allem, was ich bisher in Hamburg und in meinem Praktikum erlebt habe, nämlich Aufgeschlossenheit, Sympathie, Höflichkeit, gute Laune und nette Leute. Habe ich nur Pech gehabt? Oder ist Lurup definitiv eine schlimme Ecke der tollen Stadt Hamburg?“
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