Ist der Osdorfer Born ein Ghetto?

Hochhaussiedlung Osdorfer Born: Gute Nachbarschaft oder Ghetto? Eine Schülerin hat mit einem Text aus jugendlicher Perspektive eine Diskussion im Stadtteil entfacht.

Osdorf-Rap: Wie der provokante Text einer Schülerin für Diskussionen sorgt

Merle Schüning/C. Vitt, Osdorfer Born

Ghetto. Hass. Armut. Jugendliche, die ihren Tag auf der Straße verbringen. Mit einem Rap-Text (siehe unten) hat eine Schülerin eine Diskussion im Osdorfer Born ausgelöst. Celina Ehrmann, Schülerin der Geschwister-Scholl-Stadt-teilschule, gewann mit ihrem „Rap Osdorf“ den ersten Preis bei einem Hamburger Schreibwettbewerb. In ihrer Darstellung geht es um erfrorene Herzen, perspektivlose Jugendliche und die Flüchtlingsunterkunft in Osdorf.
Ghetto steht in der Hiphop-Kultur als Begriff für eine Nachbarschaft mit eigenen Gesetzen. Es ist ein Etikett, das Bewohnern aufgeklebt wird. Es spiegelt aber auch einen gewissen Stolz auf eine Gemeinschaft wider. „Ghetto in Deutschland bedeutet, in eine Ghettoklasse gesteckt zu werden, damit die Lehrerkinder unter sich bleiben. Ghetto bedeutet, dass keiner deiner Nachbarn Geld hat, auch wenn einige arbeiten. ... Ghetto bedeutet, dass du erstmal nicht sagst, aus welchem Stadtteil du kommst, wenn du ein Mädchen aus einer besseren Gegend kennen lernst“ – so beschreiben es die Straßenrapper von „Schwarzweiss“ aus dem Osdorfer Born.
Aktive aus dem Stadtteil, die sich um ein positives Image der Hochhaussiedlung bemühen, fühlen sich vor den Kopf gestoßen. Im Stadtteilmagazin „Westwind“ widersprachen Bewohner entrüstet, dass es im Osdorfer Born so schlimm sei wie in Celina Ehrmanns Text beschrieben. Andere Bewohner zeigen Verständnis und nehmen die Zeilen der Schülerin als Sicht Jugendlicher auf ihr Viertel Ernst. „Celina mit ihrem Rap gehört auf jede Veranstaltung hier im Ghetto, damit die Menschen sich weiter aufregen und darüber reden“, schreibt eine Leserin im „Westwind“.
Das Elbe Wochenblatt hat bei Jugendlichen der GeschwisterScholl-Stadtteilschule nachgefragt, ob sie Celinas Ansicht teilen und wie sie das Leben im Osdorfer Born wahrnehmen.

Emre (14):
"Was Celina zum Flüchtlingsheim geschrieben hat, stimmt total. Es war keine gute Idee, das hier bauen zu lassen. Und alle da draußen, die meinen, Osdorf wäre gar nicht so schlimm, sollen mal hierher kommen, wenn es dunkel ist. Klar, es hat sich gebessert, aber die Ghettos, die gibt es noch."

Melissa (15):
"Was Celina in ihrem Text geschrieben hat, stimmt. Ich wohne selbst in Osdorf. Die meiste Zeit nach der Schule verbringen wir draußen. Früher waren wir auch im Haus der Jugend, da kann man so ziemlich alles machen, aber heute sind wir die meiste Zeit unterwegs."

Nadino (14), Bruder von Celina:
"Das stimmt schon, was meine Schwester da geschrieben hat. Ich gönne ihr die Aufmerksamkeit, sie hat das verdient. In Osdorf halten alle zusammen, und Ghettos haben wir ganz klar. Da müssen Sie nur mal aus der Schule raus und dann um die Ecke gehen. Da sehen sie genug."

Leonie (15):
"Ich selbst wohne in Lurup, nicht in Osdorf. Ich sehe das zweigeteilt, stimme Celina aber in vielen Punkten zu. Das Flüchtlingsheim hat hier schon zu sehr vielen Konflikten geführt, bei Lidl wurden extra zwei Securities eingestellt, und immer wieder entsteht neuer Streit."


Rap Osdorf (von Celina Ehrmann)



Jojo, wir haben den 10a Slang,
jeder weiß, wir sind die geilste Gang.
Unser Stadtteil ist Osdorfer Born,
hier sind schon Herzen erfror’n.
Das ist der Zorn, der uns begleitet,
Hass und Armut sind hier verbreitet.
 
Das ist die Melodie,
wir schaffen’s irgendwie.
Geht es nicht weiter gibt der Track uns neue Energie.
 
Das ist die Melodie,
wir schaffen’s irgendwie.
Geht es nicht weiter gibt der Track uns neue Energie.
 
Weil das Geld meistens nicht reicht,
ist das Leben im Ghetto nicht leicht.
Wir komm’ direkt, direkt aus dem Ghetto,
wir kaufen ein bei Aldi und Netto.
Hier stehen die Penner in ihren Reih’n,
wenn ihnen was nicht passt, fangen sie an zu schrei’n.
 
Das ist die Melodie,
wir schaffen’s irgendwie.
Geht es nicht weiter gibt der Track uns neue Energie.
 
Das ist die Melodie,
wir schaffen’s irgendwie.
Geht es nicht weiter gibt der Track uns neue Energie.
 
Die Eltern schmeißen ihre Kinder raus,
sie gehen raus, laufen ab ins Hochhaus.
Mama ist verzweifelt, nur noch Geldschulden,
für Geschenke müssen sich die Kleinen gedulden.
 
Das ist die Melodie,
wir schaffen’s irgendwie.
Geht es nicht weiter gibt der Track uns neue Energie.
 
Das ist die Melodie,
wir schaffen’s irgendwie.
Geht es nicht weiter gibt der Track uns neue Energie.
 
Entstanden ist hier auch ein Flüchtlingsheim,
dumme Kinder schmeißen auf sie mit Stein’.
Das ist asozial und unnormal respektlos,
wenn die Polizei kommt, haben sie Angst und laufen los.

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Stichwort: Osdorfer Born
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