„Hitler hat es nicht geschafft!“

Die KZ-Überlebende Livia Fränkel (89, vorne) berichtete über zwei Stunden hinweg einer Schülergruppe des 10. Jahrgangs des Gymnasium Dörpsweg im Eidelstedter Bürgerhaus von ihren Erlebnissen während des Nationalsozialismus. Foto: pr

Verfolgung im Nationalsozialismus: Schüler des Gymnasiums Dörpsweg sprachen mit einer Zeitzeugin

Jahrgang 10 am Gymnasium Dörpsweg, Eidelstedt

Sie dachte, Dracula war böse, aber dann kam Hitler – mit diesem Vergleich beginnt Livia Fränkel ihr Zeitzeugengespräch. Geboren in Sighet, einer Stadt im rumänischen Transsilvanien macht sie schon an ihrem ersten Schultag Erfahrungen mit Antisemitismus: Äußerungen wie „Du schmutziger Saujude!“ und „Geh’ in dein Land zurück!“ lassen sie verstört zurück.
Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und der Übertragung Transsilvaniens an Ungarn 1940 zeichnet sich nach der Niederlage der deutschen Truppen in Stalingrad im Winter 1943/44 ab, dass Nazi-Deutschland den Krieg verlieren wird. Angesichts dieser Entwicklung besetzte die deutsche Wehrmacht im März 1944 Ungarn und damit wurden 800 000 ungarische Juden zum Ziel Adolf Hitlers: „Diese 800 000 wollte er mit in den Tod nehmen“, so Livia Fränkel. Schnell wirkt sich die deutsche Besatzung auf die jüdische Familie und ihren Alltag aus. Noch im März wird Livia mit ihren Verwandten in ein Ghetto gebracht; sechs Wochen später beginnt die Deportation nach Auschwitz im Rahmen der sogenannten „Ungarn-Aktion“.
Sehr eindrucksvoll beschreibt Livia Fränkel in diesem Zusammenhang die Ankunft in Auschwitz, die Selektion an der Rampe („Männer in eine Gruppe, Frauen und Kinder in eine andere“) und damit die endgültige Trennung von ihrem Vater. Kurz darauf wird die 16-Jährige mit ihrer Schwester auch von ihrer Mutter getrennt. Den Worten eines SS-Aufsehers – „morgen werdet ihr euch wiedersehen“ – glaubt sie zu diesem Zeitpunkt noch. Die letzten Worte ihrer Mutter, die wie ihr Vater am 17./18. Mai 1944 vergast wird, bleiben ihr bis heute in Erinnerung: „Passt aufeinander auf, Kinder!“ Die schreckliche Wahrheit erfährt sie am nächsten Morgen, als ein Mithäftling auf einen Schornstein des Krematoriums zeigt und zu ihr sagt: „Da brennen eure Familien.“
Da ihre Schwester Hédi und sie noch arbeitsfähig sind, werden sie nach sechs Wochen von Auschwitz aus in Viehwaggons nach Hamburg transportiert. Dort arbeiten sie unter anderem ab September 1944 im KZ-Außenlager Eidelstedt, das an der S-Bahnlinie Elbgaustraße und Krupunder am Friedrichshulder Weg lag. Sie baut damals mit mehreren Hundert Zwangsarbeiterinnen kleine Betonplattenhäuser am Jaarsmoor zwischen Redingskamp und Niekampsweg, die als Behelfsheime für Angestellte der Reichsbahn errichtet werden. Außerdem müssen sie nach den Bombardierungen Hamburgs Trümmer aufräumen: „Wir waren froh, wenn die Bomber kamen. Wir wollten lieber durch Bomben sterben als durch die Deutschen.“
Im April 1945 wird das Lager in Eidelstedt aufgelöst; die halb verhungerte Livia wird mit ihrer Schwester ins KZ Bergen-Belsen deportiert, wo sie dann endlich am 15. April 1945 von britischen Truppen befreit werden.
In dem Gespräch äußerte Livia Fränkel große Achtung vor Deutschland. Das Land arbeite seine Vergangenheit offen auf, die jüngeren Generationen würden über das Geschehene aufgeklärt, was passieren könne, wenn man nicht auf die Demokratie achte.
Bei der Frage, wie sie mit den furchtbaren Erlebnissen umgeht, gesteht sie ein: „Vergessen ist unmöglich, ich lebe damit. Diese Gespräche sind eine Therapie für mich.“ Auch das Durchleben dieser traumatischen Zeit gemeinsam mit ihrer Schwester hat ihr sehr bei der Bewältigung geholfen. Beide stehen heute noch in einem sehr engen Kontakt zueinander. Sie leben heute in Stockholm, haben eine große Familie: „Wie Ihr an mir seht: Hitler hat es nicht geschafft! Ich lebe weiter in meinen Kindern und Enkeln.“
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