Glockenturm ist der Stadt lieb und der Kirche teuer

Pastorin Britta Goerke vor der Kirche und dem Gemeinde-Sorgenkind: dem Glockenturm. Der ist inzwischen sechs Meter kürzer. (Foto: ch)
 
Der Teilabriss des Turms wurde auch auf dem Parkplatz vor der Kirche angekündigt. (Foto: ch)

Probleme bei der Sanierung des Kirchturms Zu den Zwölf Aposteln

- Christiane Handke, Lurup - Dieser Tage wird der Turm der Luruper Gemeinde Zu den Zwölf Aposteln um sechs Meter kürzer gemacht: Der oberste, total verrottete Teil mit der Glockenstube wird abgetragen.
Die Kirche Zu den Zwölf Aposteln wurde 1957 gebaut – damals mit einem kleinen Glock-enturm auf dem Dach. Als der Stadtteil sich entwickelte, hohe Häuser entstanden, baute die Kirche 1964 einen 32 Meter hohen, frei stehenden Glockenturm als Wegweiser. „Ein Stadtteil-Wahrzeichen“, sagt Pastorin Britta Goerke.
Doch das Wahrzeichen hat ernste Probleme. Seine Schwachstelle ist das Skelett aus Stahlbeton. Goerke: „Dieser Beton muss von Anfang an entweder mit Frostschutzmitteln oder Salz versetzt gewesen sein, der Salzgehalt des Beton frisst die Stahlteile auf. Der Stahl korodiert und bricht an manchen Stellen inzwischen so leicht wie Streichhölzer.“ Schon bei wenig Wind könne man hören, wie größere und kleine Steine herabbröseln. Gefahr im Verzug: Seit zweieinhalb Jahren ist der Turm in Folie einge-
packt. Die Glocken müssen schweigen; der Turm darf nicht betreten werden.
Einfach abreißen und einen neuen Turm bauen? Geht nicht. Denn der Turm steht unter Denkmalschutz. Das Denkmalschutzamt verlangt die Sanierung. Diese kostet laut Experten 670.000 Euro, ein Vielfaches von dem, was ein neuer Turm kosten würde. Zum Vergleich: Die Gemeinde hat ein Jahresbudget von 150.000 Euro.
Fördermittel gibts, doch die reichen lange nicht. Auch gespendet wird; aber das Ergebnis ist noch weit weg von dem, was gebraucht würde. Dazu kommt: Der Turm wird keineswegs „wie neu“ – er bliebe auch nach der Sanierung ein Betreuungsfall. Goerke: „Er wird lediglich mit Drähten durchzogen, durch die auf ewige Zeiten Wechselstrom geschickt wird – das bindet die Salzteilchen. Die können dann keine zerstörerische Kraft mehr entwickeln.“
Goerke blickt auch auf die Zeit nach einer Sanierung: „Dann sind die Ingenieure weg. Die Architekten sind weg. Der Denkmalschutz ist zufrieden. Und wir sitzen da mit einem Turm, um den man sich ständig kümmern muss.“

Das sagt der Denkmalschutz:
„Kirche, Turm und Pastorate mit Gemeinde- und Konfir-mandensälen sind seit dem 1. Mai als Denkmäler geschützt. Der Kirchenbau (1957/58 von Friedrich Kraft) ist geprägt durch die traditionalistische Architekturauffassung der 1930er Jahre, die auf sehr eigenständige, originelle Weise in die 1950er Jahre übertragen wurde. Er zeichnet sich durch eine aufwendige künstlerische Ausstattung aus, insbesondere die Farbfenster von Siegfried Assmann bestimmen den Raum.
Der Turm (1962/63 von Bernhard Hermkes und Gerhart Becker), der ausdrücklich aus städtebaulichen Gründen verlangt wurde, fällt durch den kreisförmigen Grundriss auf, der als Gegenstück hervorragend zum halbkreisförmig hervortretenden Altarraum passt.
Das Ensemble ist als Ensemble geschützt. Aber auch hier muss das Kriterium der wirtschaftlichen Zumutbarkeit gelten, weshalb hier einem vorübergehenden Teilabriss des Turmes zugestimmt wurde. Der Abriss der oberen sechs Meter des Turmes ist mit uns abgestimmt und notwendig, weil der obere Teil dringend sanierungsbedürftig ist und wirtschaftlich nicht erhalten werden kann. Es ist jedoch im Anschluss ein Wiederaufbau geplant, sobald die dafür benötigten Gelder zusammen sind.“
(Enno Isermann,Pressesprecher Kulturbehörde)


Kommentar von Christiane Handke:
Vergoldeter Turm
Da steht ein Kirchturm von 1964. Der soll saniert werden. Das fordert der Denkmalschutz. Kosten: 670.000 Euro. Macht pro Meter Turm: 20.937,50 Euro.
Denkmalschutz in allen Ehren, aber: Gehts noch? Die Gemeinde Zu den Zwölf Aposteln ist nicht reich. Und sie wirkt in einem Gebiet, das auch nicht gerade vom fetten Geld geprägt ist. Ihr gehören andere Gebäude aus den späten 50ern und frühen 60er Jahren, die ebenfalls dringend saniert werden müss-ten. Der Unterschied zum Turm:  In diesen Gebäuden wohnen und arbeiten Menschen. Und für die ist die Kirche doch eigentlich zuständig.
Ausgerechnet von einer armen Gemeinde zu erwarten, Riesensummen in einen Bau zu stecken, der lediglich als Gehäuse für eine Treppe und vier Glocken dient – das ist irrwitzig.
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