Ghetto-Diskussion: "Wer gibt hier wen auf?"

Frieder Bachteler (Redaktion Westwind, l.) und Andreas Lettow (Sprecher der Borner Runde).

Reaktionen auf den "Osdorf-Rap": Zwei Aktive aus dem Stadtteil beziehen Position

Eine Schülerin der Geschwister-Scholl-Stadtteilschule hat mit ihrem „Osdorf Rap“ einen Wettbewerb gewonnen, an dem sich SchülerInnen aus 39 Hamburger Schulen beteiligt haben – wir freuen uns für sie und mit ihr und gratulieren ihr zu ihrer Leistung und zu ihrem Preis.
Nach der Veröffentlichung des Rap in der Stadtteilzeitung „Westwind“ hat es unterschiedliche Reaktionen gegeben. Die Frage, die wir uns nach der Lektüre des sicherlich provozierenden Textes stellen sollten, ist: „Wie kommt es, dass ein junger Mensch das so empfindet? Gibt es Lebenswirklichkeiten, die wir nicht oder nicht gut genug kennen?“
Wer die Hamburger Presse in den vergangenen Jahrzehnten verfolgt hat, weiß, dass über den Osdorfer Born nicht gleichermaßen positiv und negativ berichtet wird – das Quartier ist in der Regel der Erwähnung nur wert, wenn es eine Negativ-Schlagzeile zu vermelden gibt.
„Oh, du kommst vom Osdorfer Born …“, „Die Leute sagen: Iih, du Ghetto-Kind“, Probleme bei der Jobsuche, wenn sie ihre Adresse nennen – das sind Erfahrungen, von denen die Jugendlichen berichten.

Es geht darum, sich zu behaupten


Sie wehren sich gegen diese Zuschreibungen – ihr Mittel ist die Musik, ist der Rap. Und der äußert sich nicht ausgewogen
literarisch, sondern eckig, unverblümt, auch roh, und öffnet doch ein Fenster in das Empfinden der Betroffenen. Und da sieht man etwa die wiederkehrende Zeile „Das ist die Melodie, wir schaffens irgendwie, geht es nicht weiter, gibt der Track uns neue Energie“. Also kein Aufgeben, kein Sichhängenlassen ist das eigentliche Thema dieses Textes, sondern es geht gerade darum, sich zu behaupten.
Es kann in der Debatte nicht unerwähnt bleiben, dass nicht die Jugendlichen für die soziale Lage vor Ort verantwortlich sind. Nur ein Beispiel sei herausgegriffen: In der Hafencity wird eine U-Bahn gebaut in einen Stadtteil, der selbst noch im Bau ist. Für den Hamburger Osten wird die U-Bahn konkret geplant. Man liest von Plänen für U- und S-Bahnen hierhin und dorthin. Der Osdorfer Born wird im nächsten Jahr 50 Jahre alt und bekommt seit Jahrzehnten und jetzt mal wieder für die 2030-er Jahre eine U-Bahn versprochen. Wer gibt hier eigentlich wen auf, wer lässt hier wen hängen? Ist es verwunderlich, dass (nicht nur) Jugendliche das Gefühl haben, ihr Stadtteil sei weniger wert als andere?

Andreas Lettow, Sprecher der Borner Runde
Frieder Bachteler, Redaktion „Westwind“
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