Der Frank Sinatra aus Eidelstedt

US-Flaggen, Marylin Monroe-Kissen, Plakate von Stars im Wohnzimmer: Joe Stufford lebt den amerikanischen Lebensstil. Foto: KP Flügel

Porträt: Als Joe Stufford ist Albert Kuhl eine lokale Berühmtheit

Volker Stahl, Eidelstedt
Er war noch nie in New York. Doch eigentlich gehört der „Frank Sinatra von Hamburg“ genau dorthin. Trotz seines hohen Alters von 83 Jahren verfügt Albert Kuhl, der sich den Künstlernamen Joe Stufford zugelegt hat, über eine kräftige und klare Stimme, mit der er aus dem Stegreif Lieder seiner Idole Frank Sinatra, Bing Crosby und Dean Martin vorträgt: „Singen ist meine Leidenschaft.“ Auch während unseres Treffens im Café gibt er zur Freude der Gäste eine Kostprobe seines Könnens, vor kurzem sang er als Weihnachtsmann kostümiert im Eidelstedt Center.Kuhl kam im April 1934 in der Grabenstraße (St. Pauli) als eines von vier Kindern eines Friseurs auf die Welt. Schon sein Vater trällerte gern ein Liedchen, die Mutter klimperte auf dem Klavier. „Die Musik war einfach in mir drin“, sagt 83-Jährige, der nie einen Beruf erlernt hat und aus seiner Leidenschaft keine Profession machen konnte. Denn die Zeiten, in die das Schicksal ihn geworfen hat, waren hart. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste der junge Albert für die fünfköpfige Familie sorgen – der Vater war gefallen, die Mutter seit der Geburt des ersten Kindes taub. Die ausgebombte Familie lebte jahrelang in bitterer Armut in einer Baracke auf dem Heiligengeistfeld, es gab kaum Arbeit, und der Mangel an Essbarem verwirrte die Sinne: „Ich bin aus Not im Schlafanzug oder in Damenkleidern zur Schule gegangen, habe dort aber oft gefehlt, weil ich vor Hunger keine sechs Stunden durchhalten konnte.“
Nach nur sechs Schuljahren schleppte er Kohlen und leistete im Hafen zehn Jahre lang als Schauermann Schwerstarbeit. Es folgten fünf Jahre bei der Müllabfuhr. Für eine Ausbildung blieb keine Zeit. Schließlich bekam er eine Anstellung als Briefträger. Die kiloschwere Post trug er bei sich, Transporträder oder Wägelchen gab es nicht. Doch trotz der Knochenjobs hatte der plietsche Albert einen Traum: Singen. „Das mache ich seit meinem vierten Lebensjahr.“
Inspiriert wurde er von dem englischen Besatzungssender BFN, British Forces Network, der die Songs seiner späteren Vorbilder spielte. „Ich kannte alle Schlager auswendig und habe heute 71 Songs im Repertoire, die ich mit amerikanischen Akzent vortrage.“ Noten hat er nie gelernt, er singt nach Gehör.
Seit 1992 ist er eine kleine Berühmtheit in der Hansestadt. Damals rief er beim TV-Sender Sat.1 an und sang ins Telefon. „Eine Stunde später rückte ein Kamerateam mit der Moderatorin Monika Lierhaus an“, erinnert sich Kuhl. Dann ging es Schlag auf Schlag. „Joe Stufford“ wurde von Radio Hamburg eingeladen und sang dort „New York, New York“. Es folgten Veranstaltungen „auf Sylt mit Uwe Seeler“, in Timmendorf traf er auf den amerikanischen Sänger Trini Lopez, der ihn als „bestes Sinatra-Double“ lobte. Auch im „Schmidt's Theater“ am Spielbudenplatz trat er in den 1990er-Jahren auf. Einen großen Traum hat Joe noch, den er sich mit seiner schmalen Rente jedoch nicht erfüllen kann: New York, New York...
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