Bring noch heute was ins Rollen

Timo Schmidt bei einer seiner leichteren Übungen. Foto: Ben Freier
 
David Lebuser beim „Grinden“. Foto: Ben Freier
Hamburg: Acker Pool Co |

Skaten im Rollstuhl: Wir waren dabei, als sich einige der besten
deutschen Wheelchair-Skater in Eidelstedt getroffen haben.

Von Ben Freier. Knack! Das dumpfe Geräusch von geborstenem Metall kennt jeder, der mal an Autos rumgeschraubt und die Mutter auf einem Bolzen zu fest angezogen hat. Kann passieren. Ist ärgerlich. Der lakonische Schrauberspruch dazu lautet: „Nach fest, kommt ab“.
Jetzt hören wir das fiese Geräusch wieder: Antonio hat seinem Material zu viel zugemutet. Bei einem Sprung von der Rampe hat er eine der Achsaufhängungen geschrottet. So ein Sprung aus circa 40 Zentimetern Höhe tut nicht nur den Knochen weh, da geht auch mal der stabilste Rollstuhl in die Knie. Obwohl Rollstuhl? Das Ding sieht aus wie ein futuristisches Liegefahrrad, das zusammen mit dem Lenker und der Antriebseinheit an eine Maschine aus dem Filmklassiker „Max Dome“ erinnert. In Fachkreisen wird dieses Vehikel „Handbike“ genannt.
Ortstermin im „Acker Pool Co“, dem Jugendzentrum am Baumacker in Eidelstedt. Auf der Halfpipe treffen sich heute Wheelchair-Skater zum Training. Einiger der besten Skater im Rollstuhl und Anfänger üben gemeinsam.

Skater gehen gerne ans Limit

Bis auf Handbike-Antonio sind alle Wheelchair-Skater hier auf modifizierten, speziell für das Skaten entwickelten Modellen unterwegs. Die sind klein und handlich. Federung auf der Hinterachse, kleine Vorderräder mit Gummidämpfern und eine Verstärkung unterhalb der Hauptachse. Alles so zusammen geschraubt, um hohen Belastungen Stand zu halten. Um damit ans Limit zu gehen.
Das gilt auch für Björn Schulz. Seit zweieinhalb Jahren ist der 50-Jährige auf einen Rollstuhl angewiesen. „Eigentlich war es nur ein Bandscheibenvorfall“ erzählt er, „dann gab es eine Spritze ins Rückenmark um die Schmerzen zu lindern.“ Ein Routineeingriff der daneben ging.
Seitdem kann er zwar ein paar Schritte machen, aber an mehr ist nicht zu denken. Er hat eine so genannte „inkomplette Querschnittlähmung“. Jetzt steht er auf der hohen Rampe, dem hohen „Drop Inn“. Sich im Rollstuhl runter zu trauen ist so ähnlich wie der erste Sprung vom Zehn-Meter-Brett im Freibad oder sich das erste Mal eine Skipiste herunter zu wagen.

Der Rollstuhl beschleunigt bis auf 40 Sachen

Zuerst kippen die kleinen Vorderräder des Rollstuhls über die Kante der Rampe, und dann gibt es kein Zurück mehr. Der Rollstuhl beschleunigt in der Spitze auf rund 40 Stundenkilometer. Kurz vor dem Ende der Skateanlage stoppt Björn seinen Untersatz. Er sieht erleichtert aus und strahlt vor Stolz
In unregelmäßigen Abständen trainiert hier die Welt- und die Anfängerklasse zusammen, genau genommen trainiert die Weltklasse die Anfänger. Verantwortlich dafür sind David Lebuser und Patrick Krause, der eine auf zwei Rädern der andere auf zwei Beinen. Und ohne Georg Becker würde hier sowieso nichts ins Rollen kommen. Der hauptamtliche Sozialarbeiter betreut die Skateanlage und will zusammen mit dem Hamburger Björn Partick Meyer dieses Treffen in Eidelstedt zu einem regelmäßigen Angebot machen (siehe Kasten unten rechts).
Auch David Lebuser und Patrick Krause wollen dann so oft wie möglich dabei sein. „Ich hab einfach Bock, dieses Event in Hamburg zu etablieren. Hier gibt es eine so große Gemeinschaft die bisher nicht regelmäßig trainieren konnte.“
Patrick Meyer ist überzeugt davon, dass Hamburg eine Hauptstadt der Wheelchair-Skater werden könnte. Genau wie David Lebuser ist Patrick Krause ehrenamtlich tätig, allerdings mit dem Unterschied, dass Patrick „der Rollstuhl-Schrauber“ und Organisator ist, während David für die Rollstuhlakrobatik zuständig ist. Lebuser ist ein Champ und immerhin Dritter der Weltrangliste. Er macht Sachen, die selbst versierte Skater auf zwei Beinen staunen lassen.

Spätestens beim Grinden über die Stange wirds krass

Und die sehen so aus: Los geht es mit dem „Carven“ (hier rollt der Fahrer mittels hoher Geschwindigkeit durch Kurven) das sieht noch halbwegs harmlos aus, und auch beim „Acid Drop“ (das Springen von einer höheren auf eine niedrige Rampe) hält der Betrachter nur kurz den Atem an. Beim „Backflip“ (hier dreht der Rollstuhlskater im Sprung um 360 Grad) wird den Zuschauern mulmig, aber spätestens beim „Grinden“ (dem Rutschen über eine schmale Stange) wird es krass. Bei Skatern mit den Füßen auf dem Brett macht das mächtig was her. Selbst unter langjährigen Wheelchair-Skatern ist dieses Kunststück einfach unglaublich.

Anfänger willkommen

Ab April wird jeden ersten Sonnabend im Monat im „Acker Pool Co“ mit dem Rollstuhl geskatet. Näheres unter www.ackerpoolco.de
oder unter Tel. 42 85 57 64, (Georg Becker).
Mehr über „Wheelchair-Skating steht auf der ausgezeichneten Webseite des Deutschen Rollstuhl-Sportverbandes www.drs.org/cms/sport/sportarten/actionsport.html
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