50 Jahre Osdorfer Born: Immer noch keine Chance?

Viele Jugendliche hängen auf der Straße ab, weil sie zu Hause keinen Raum haben, um sich zu entfalten (Symbolbild). Foto: panthermedia
 
Simone Norin berät Jugendliche in Lurup und am Osdorfer Born. Foto: cv

Jugendliche in der Hochhaussiedlung: Ein Interview mit Straßensozialarbeitern

Carsten Vitt, Osdorfer Born

Brutaler Hamburger Plattenbau, günstige Heimat für mehr als 18.000 Menschen, sozialer Brennpunkt oder Siedlung im Grünen: Der Osdorfer Born hat viele Gesichter. Dieses Jahr wird die Siedlung im Hamburger Westen 50 Jahre alt – eine Gelegenheit zurückzublicken und sich mit aktuellen Themen zu beschäftigen. Diese Woche greift das Elbe Wochenblatt die „Ghetto-Diskussion“ auf.
Der mit einem Preis ausgezeichnete Rap-Text einer Schülerin hat eine Debatte über die Chancen und Probleme Jugendlicher aus dem Osdorfer Born ausgelöst. Das Elbe Wochenblatt sprach mit den Sozialarbeitern Rodney Espe und Simone Norin.

Macht Ihnen der Rap-Text der Schülerin Sorgen?
Rodney Espe: Nein. Wir sind ein wenig verwundert über manche empörte Reaktion. Wir kennen viele solcher Beschreibungen aus unserer täglichen Arbeit. Wie die Schülerin ihre Sicht auf den Born zu Papier bringt, ist sehr gut. Es ist klasse, wenn sich jemand hinsetzt, schreibt und seine Gefühle ausdrücken kann. Das zeigt Engagement. Der Wettbewerbsgewinn von Celina Ehrmann ist eine super Werbung für den Osdorfer Born

Obwohl die Siedlung darin als Ghetto beschrieben wird?
Rodney Espe: Für die Jugendlichen ist das meistens einfach ein Ausdruck von Zugehörigkeit, in der Hip-hop-Kultur nennt man eine Nachbarschaft halt schnell Ghetto. Viele erzählen das mit Stolz. Zu einer Jugendkultur gehört ebenfalls, Erwachsene zu schocken. Mit dem Rap ist die Provokation offenbar gelungen.

Was sind die größten Probleme von Jugendlichen aus dem Osdorfer Born?
Simone Norin: Viele Kinder und Jugendliche wachsen in beengten Wohnverhältnissen auf. Die Heranwachsenden haben keinen Raum, um für sich zu sein und sich entfalten zu können. Häufig werden sie einfach rausgeschickt von den Eltern. Viele Jugendliche müssen altersunangemessene Verantwortung für ihre Familie übernehmen. Und zum Monatsende fehlt es häufig an Geld für das Notwendigste.
Rodney Espe: Ein weiteres Problem ist, dass viele Jugendliche gar keinen oder nur niedrige Schulabschlüsse haben. Oft gibt es Stress in der Familie oder es fehlt an Platz in der Wohnung, das führt dazu, dass viele Jugendliche vor die Tür gesetzt werden, wenn sie 18 sind. Wir bräuchten mehr kleine günstige Wohnungen mit Betreuung – so etwas wie das Projekt „Hier wohnt Hamburgs Jugend“. Und es fehlen einfache, niedrigschwellige Jobs. Selbst für einen einfachen Packer- oder Paketausträgerjob braucht man heute eine Top-Bewerbung. Früher sind junge Erwachsene einfach mal zur Probe zwei, drei Tage in einen Betrieb mitgegangen und dann sah man, ob es klappt. So etwas gibt es heute nicht mehr.

Was können Jugendliche selbst tun, um aus dem „Ghetto“ rauszukommen?
Simone Norin: Es ist für viele schwierig. Aber wer wirklich etwas erreichen will, der hat eine Chance. Und wir sehen immer wieder, dass Jugendliche auch nach schwierigen Phasen ihr Leben in die Hand nehmen. Es gibt genügend Unterstützung, die man sich holen kann. Hilfe bei Bewerbungen, Tipps für Ausbildungen oder zur Berufswahl bietet unsere Straßensozialarbeit im Osdorfer Born und in Lurup.

Die Straßensozialarbeit Lurup/Osdorfer Born
berät junge Leute zwischen 14 und 27 Jahren – eine Auswahl der Angebote.

Lurup, Ammernweg 56,
Tel. 428 11 30 61
Dienstags, 14 bis 16 Uhr:
Einzelfallberatung (ab 16 Uhr: Kochangebot für alle)
Donnerstags, 10 bis 16 Uhr: Berufs- und Sozialberatung
12 bis 14 Uhr: Brunch und Suchtberatung
16 bis 18 Uhr: Konflikt-
beratung
Osdorfer Born, im Bürgerhaus, Bornheide 76b (gelber Pavillon), Tel. 428 11 29 61
Montags, 14 bis 16 Uhr:
Einzelfallberatung
16 bis 18.30 Uhr Einzelfall-
beratung/Kochangebot für alle/Suchtberatung
Mittwochs, 10 bis 16 Uhr:
Berufs- und Sozialberatung
Mittwochs, 12 bis 14 Uhr: Brunch für alle
E-Mail: streetworkoslu@altona.hamburg.de
❱❱ www.streetwork-oslu.de
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