Integration im Ring

„Junge, du schaffst das!“: Coaching in der Finkerderaner Ecke von Mecit Cetinkaya.
 
Das Plakat: Der Insel-Cup 2012.
Hamburg: Gorch-Fock-Halle |

Seit 20 Jahren kümmert sich Mecit Cetinkaya um Boxtalente in Finkenwerder.

Von Annekatrin Buruck und Matthias Greulich.
An der Wand der Geschäftsstelle steht die Vereinsfahne des Männerturnvereins Finkenwärder. So schrieb sich die Elbinsel 1893, dem Jahr als ihr Turn- und Sportverein gegründet wurde. Mecit Cetinkaya, 43, hat zwei Fotoalben mit Zeitungsauschnitten aus den vergangenen 20 Jahren der Boxabteilung auf den Tisch gelegt. „Der hier“, sagt Abteilungsleiter Cetinkaya, „ist Mahir Oral. War bei einem Jugendkampf.“
Oral wurde Profi, er nennt sich seitdem „The Lion“, der Löwe. In 34 Kämpfen gewann er 28 Mal, elf Mal durch K.o., aber von Cetinkaya darf man keine Lobeshymnen über den bekanntesten Boxer aus Finkenwerder erwarten. „Ich bin immer noch nicht damit einverstanden, dass er damals seine Lehre als Bauschlosser nicht zuende gemacht hat“, sagt er über den 32-Jährigen.
Wer in Finkenwerder boxt, lernt etwas fürs Leben und lernt in der Regel einen Beruf. Viele Boxer mit ausländischen Wurzeln haben das nach einigen Jahren mit Mecit Cetinkaya im Ring verinnerlicht. 2010 hat er den Bürgerpreis des Bezirksamts Mitte für herausragende Integrationsarbeit bekommen.
Bei Stress in der Schule, Suche nach einer Lehrstelle oder Problemen mit den Eltern ist der Leiter der Boxabteilung gefragt. „Es kommt schon mal vor, dass ein Lehrer bei mir anruft, wenn es Probleme gibt, oder dass ich für einen meiner Boxer nach einer Lehrstelle suche“, so Cetinkaya. Wenn es dann gut läuft, macht ihn das besonders stolz. „Einmal rief mich ein Meister an und sagte: ‚Du hast mir einen Jungen geschickt, der hat nicht mal Hauptschulabschluss, aber der ist richtig toll.’“
Im Boxsport hat die Finkenwerder Truppe schon viele Titel nach Hause gebracht. Längst sind die Jungs von der ehemaligen Elbinsel europaweit bekannt, fliegen zu internationalen Wettkämpfen, wie zum Beispiel ins türkische Trabzon, dem dortigen Mekka des Boxens und Geburtsort von Mecit Cetinkaya.
An solche Reisen hatte vor 20 Jahren allerdings noch niemand gedacht. „Ich wollte damals einfach etwas für die Jugendlichen hier tun“, sagt Cetinkaya, der als Achtjähriger mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland und 1982 nach Finkenwerder gekommen ist.
Bei Thomas Kielhorn, Vorsitzender des TuS, fragte Cetinkaya nach dem Schlüssel für die Gorch-Fock-Halle. Dort hatte er bald 40 Jungen, die meisten mit ausländischen Wurzeln, um sich geschart. Anfangs spielten sie Fußball oder Volleyball. Aber die Jungs wollten mehr. „Du hast doch selbst früher geboxt“, erinnerten sie ihren Trainer an seine aktive Zeit in Wilhelmsburg, „zeig uns, wie das geht.“
Mecit Cetinkaya hängte einen Boxsack auf, und dann ging es Schlag auf Schlag. 1992 meldete er seine Truppe beim Hamburger Amateur-Box-Verband an; 1993 nahmen gleich vier Finkenwerder Jungen an der Hamburger Jugendmeisterschaft teil. „Alle vier haben gewonnen“, erinnert sich Cetinkaya stolz.
Seitdem hat es viele Siege gegeben. Ömer Okumus wurde 2009 türkischer Jugendmeister, Berat Aciksari ein Jahr später. Seit neun Jahren ist der inzwischen 20-jährige dabei. Zum Boxen ist er durch seinen Vater gekommen, der als Kickboxer aktiv war. „Boxen ist ein Teil meines Lebens geworden“, so Berat.
Auf der ehemaligen Elbinsel sind sie stolz auf ihre Boxer, aber es war ein langer Weg dorthin. „Es war nicht einfach, sich in einem etablierten Verein wie dem TuS zu etablieren“, so Cetinkaya.
Die Faszination des Boxsports erklärt Mecit Cetinkaya so: „Es gibt nur deinen Gegner und dich. Im Ring herrschen klare Regeln.“ Genauso wie im Leben, ohne Disziplin und sicheres Auftreten geht da nichts. Das sehen auch die Jüngeren schon so.
Alen Degirmenci, 14, hat früher Fußball gespielt, aber Boxen gefällt ihm besser. „Im Ring stehe ich allein“, erklärt er, „aber ich gewinne auch allein den Pokal.“
Rund 50 Mitglieder hat die Boxabteilung des TuS Finkenwerder im Moment. Mit ungefähr zehn Jahren können die Jungen mit dem Kampfsport beginnen, ab zwölf Jahren die ers-ten Wettkämpfe absolvieren. Um Nachwuchs muss sich Mecit Cetinkaya nicht sorgen. Die Talente stehen schon in den Startlöchern. Tolga, 11, und Melvin, 12, trainieren regelmäßig in der Halle. Beide lieben es zu kämpfen, „aber ohne Gewalt“, wie Tolga erklärt.
Am heutigen Sonnabend, 10. November, zeigen die Boxer des TuS Finkenwerder, was sie drauf haben. Dann steigt der „Insel-Cup“ mit Kämpfen in unterschiedlichen Gewichtsklassen und den Stargästen Mahir Oral und Gökalp Sultan Özekler.

Insel-Cup 2012
Sonnabend, 10. November, ab 18 Uhr, Gorch-Fock-Halle, Focksweg 14
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