Zu viel Aufwand?

Claus Günther (86) hat seine Jugenderlebnisse in seinem Buch „Heile, heile Hitler“ (Verlag marless.de) festgehalten. Er würde auch gern weiter als Zeitzeuge in Schulen gehen, doch immer weniger Lehrer laden Zeitzeugen ein. Foto: pr
 
Wilhelm Simonsohn (97) ist Hamburgs ältester Zeitzeuge. Der gebürtige Altonaer wurde einer jüdischen Familie adoptiert, trat mit 15 aus der Hitlerjugend (HJ) aus. Sein Adoptivvater kam ins Konzentrationslager. Foto: pr

Schilderung von Zeitzeugen sind in Schulen nicht gefragt. Warum? Wir haben bei Schulleitern nachgefragt

Olaf Zimmermann, Harburg

Claus Günther (86) hat gesehen, wie am Abend des 10. November 1938 die Harburger Synagoge in der Eißendorfer Straße brannte. Nicht einmal acht Jahre alt war er damals. Heute berichtet er als Zeitzeuge in Schulen über die Schrecken der Nazi-Zeit; darüber, wie es war, als Bomben auf Hamburg fielen.
Zeitzeugen haben etwas erlebt, was Jüngere gar nicht kennen – etwa mit 50 Kindern in einer Klasse zu sein, die Sturmflut in Hamburg oder ein Leben ohne Fernseher. Die Zeitzeugenbörse Hamburg besteht seit 1997. Claus Günther ist seit Anfang an dabei. Zeitzeugen machen „Geschichte von unten“ erlebbar, damit heute von gestern für morgen gelernt werden kann.
An Hamburger Schulen sind die Erfahrungen der Zeitzeugen immer weniger gefragt. „2016 fanden unsererseits fünf Schulbesuche statt, davon vier in Hamburger Gymnasien und einer in einer Gesamtschule in Wahlstedt“, berichtet Claus Günther. „In erster Linie wurde Erlebnisse aus der NS-Zeit thematisiert, in einem Fall auch das Leben in der ehemaligen DDR.“
Warum werden Zeitzeugen kaum noch in Schulen eingeladen? Das Elbe Wochenblatt hat bei fünf Schulleitern nachgefragt.
Das Gymnasium Finkenwerder und die Stadtteilschule Süderelbe haben leider nicht geantwortet.

Zeitzeugen bemängeln, kaum noch in Schulen eingeladen zu werden, um über ihre Erlbenisse zu berichten.
Ist das in den Schulen Süderelbes so? Drei von fünf angeschriebenen Schulen aus dem Südwesten Hamburgs antworteten. KI

Stadtteilschule (StS) Fischbek-Falkenberg

Das Statement der Stadtteilschule Fischbek-Falkenberg stammt von Schulleiter Thomas Grübler.

Wie stehen Sie zu Besuchen von Zeitzeugen im Schulunterricht? Ich sehe in der Möglichkeit, Zeitzeugengespräche in den Geschichtsunterricht einzubinden, die wertvolle Möglichkeit, Informationen zu doch recht schwierigen Themen und Ereignissen, die wir mit unterschiedlichen Medien vermitteln, einen biographischen Bezug zugeben.
Dies bietet die Möglichkeit, die bei unseren Schülern beobachtbare Distanz zu den manchmal doch sehr nahe gehenden Themen zu überbrücken und dem Geschehen einen anderen, einen „menschlichen“ Realitätsbezug zu geben. Gleichzeit stehen wir in der Verantwortung, die individuelle biografische Erfahrung in den allgemeinen Geschichtsprozess einzuordnen, selbstverständlich ohne zu relativieren. Dies ist eine Verantwortung. Wenn es gelingt, erzeugen wir  bei den Schülern die notwendigen Empathie und gleichzeitig die notwendige analytische Distanz.

Gibt es an Ihrer Schule Besuche von Zeitzeugen? Wir nutzen selbstverständlich die Möglichkeit von Zeitzeugengesprächen.

Rudolf-Steiner-Schule Harburg
Für die Rudolf-Steiner-Schule antwortete antwortete Schulleiter Klaus-M. Maurer.

In unserer Schule hat es immer wieder Besuche von Zeitzeugen gegeben, weil wir dies für einen guten Weg halten, unseren Schülern die nähere Vergangenheit darzustellen. Probleme gibt es unter Umständen, weil die Kollegen individuell ihr Unterrichtsprogramm gestalten und es dann kurzfristig zu Terminschwierigkeiten kommen kann.
Die Zeitzeugenbörse ist allerdings auch mir nicht bekannt (Das kann daran liegen, dass ich schon länger keinen Unterricht mehr erteile).

Grundschule An der Haake
Das Statement der Grundschule An der Haake stammt von Konrektor Friedemann Bullerdiek.

Wie stehen Sie zu Besuchen von Zeitzeugen im Schulunterricht? Grundsätzlich sehr positiv – in meiner Zeit an der weiterführenden Schule (STS Fischbek-Falkenberg) hatten wir regelmäßig Veranstaltungen mit Zeitzeugen.

Wo liegen eventuelle Probleme? Bei uns in der Grundschule ist das „Andocken“ an die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler das größte Hemmnis, und zwar in zweierlei Hinsicht: für den Großteil unserer Schüler liegt das Erlebte der Zeitzeugen zu weit außerhalb ihrer Welt.
Zugleich sind sie zu jung, einen kognitiven Bezug dazu herzustellen. Andererseits haben wir drei Klassen mit Flüchtlingskindern – dort wiederum besteht auf unserer Seite die Sorge, durch Zeitzeugen-Berichte über Flucht und Vertreibung zu nah an das selbst Erlebte dieser Schüler zu geraten. Es gibt für diese oftmals traumatisierten Kinder keinerlei psychologische Unterstützung, ein traumatisches Wiedererleben der eigenen Flucht wäre für uns nicht auffangbar.
 
Gibt es an Ihrer Schule Besuche von Zeitzeugen? Hat es schon gegeben und wird es auch immer wieder geben. Beispielsweise hat eine Klasse am Projekt der „Stolpersteine“ mitgearbeitet und dabei auch Gespräche mit Überlebenden geführt.
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