Fehlfarben auf dem Kulturflut Festival 2015

Hamburg: Gorch-Fock-Park | Das neue Album Xenophonie klingt ungemein frisch. Beim Opener "Dekade 2" haut den Hörer zunächst ein Wahnsinns-Riff um; kurze Zeit später erklingt Peter Heins Stimme mit eben jenem unschwer wiedererkennbaren Ausdruck, diesem Gesang, den nur er beherrscht: dringlich-konkret und doch voller Poesie und Melancholie. Dieser Mann ist vermutlich gar nicht in der Lage, banal oder belanglos zu klingen. Mit diesem ersten Stück des Albums, mit seinem wunderbaren und kurzen Text hat die Band nach 2 Minuten und 21 Sekunden bereits alles klargestellt. Das Weitere ist Kür.

Obwohl die Texte der Fehlfarben mitunter sehr stark im Hier und Jetzt verortet sind und diverse Ekelhaftigkeiten unseres alltäglichen Lebens benennen, wird in ihnen kein Trübsal geblasen. Dafür sorgt einerseits ein teilweise gespenstisch lockerer Peter Hein: Seit "Resistance" von Family 5 (einem meiner Lieblingsalben mit seiner Beteiligung) habe ich ihn nicht mehr so lässig erlebt. Dafür sorgen auch Textzeilen, die wohl kaum ein anderer derart doppeldeutig, mit der eigenen Biografie Wortspiele spinnend und dennoch noch viel mehr zum Ausdruck bringend, formulieren könnte: "Ich muss doch schon lang nicht mehr probieren die Lage, wie sie ist, zu kommentieren. Ich hab doch lang genug gelebt vom Kopieren, um jetzt noch den Durchblick zu verlieren" (aus "Lang genug").

Der andere Grund für die Frische des Albums sind die Songs und deren Sound. Die Band (neben Peter Hein sind Saskia von Klitzing, Pyrolator, Frank Fenstermacher, Uwe Jahnke und Michael Kemner beteiligt) leistet ganze Arbeit: Wie die Organe eines Körpers stehen sie miteinander im Vielklang. Weiteren rauen Glanz liefert der Produzent Moses Schneider. Vermutlich versteht es zur Zeit keiner besser als er, eine Band in ihrer Stärke zu erkennen, ihre tiefsten Talente hervorzukitzeln und ihre Energie zum Klingen zu bringen. Einer seiner Zaubertricks ist die Liveaufnahme, welche er dieses Mal mit den Fehlfarben im altehrwürdigen Hansastudio in Berlin aufgeführt hat. Man spürt ihn noch: Den Hauch von David Bowie, Iggy Pop, den Thompson Twins und von Depeche Mode.

Und im letzten Stück des Albums, dem fast zehnminütigen "Herbstwind" verwandeln sich die Fehlfarben in Riders on the Storm, ehe ein Fortunaschal den schönen Spuk beiseite fegt. Es ist wunderbar, wenn es eine Band nach über 30 Jahren noch versteht, den Hörer derart zu überraschen.

"Das Frühwerk am Hals wie ein Mühlstein" lautet eine Textzeile aus dem Stück "TCM (Polychemie)". Für die Fehlfarben ist es vermutlich auch ein Fluch, bereits in früher Jugend das altersweise Über-Album "Monarchie und Alltag" geschaffen zu haben. Würden wir uns unserer Sentimentalität entledigen können, welche wir so gerne speisen, indem wir die alte schöne Schallplatte aus dem Jahr 1980 nochmals auflegen, so könnten wir den Fehlfarben vielleicht den Mühlstein vom Halse entfernen – doch das ist eine Utopie, die dann zu der Band und ihren Texten, welche politisch und poetisch zugleich sind, auch nicht so recht passen würde. Die Fehlfarben sollten Monarchie & Alltag nicht als Mühlstein am Hals, sondern als Orden auf der Brust tragen, ebenso wie ihre anderen Alben, insbesondere ihr neues Werk Xenophonie, mit welchem sie wieder einmal einen der kitschigsten Mythen der Popmusik-Journaille widerlegt haben – nämlich denjenigen, dass Bands zwangsläufig mit andauerndem Fortbestehen langweiliger zu werden haben.
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