Dieser Sozialarbeiter rockt Finkenwerder

Streitbar: Jan Rieck (66) in Finkenwerder. Foto: Stahlpress Medienbüro

Jan Rieck organisiert das Tidenhub-Festival

Von Volker Stahl. Musiker, Journalist, Speditionskaufmann, Genossenschaftsgründer, Hafenarbeiter, Fußballtrainer – Jan Rieck ist ein Hans Dampf in allen Gassen. Aktuell mischt er Finkenwerder auf. Dort holt er rebellische Jugendliche von der Straße und erteilt ihnen Musikunterricht. Außerdem hat er sich als Organisator des jährlich stattfindenden Tidenhub-Open-Air-Festivals einen Namen gemacht.
Bei Jan Rieck weiß man gar nicht, wo man anfangen soll zu erzählen. Beginnen wir in Blankenese, wohin es den Sohn eines Fernfahrers und einer Kindergärtnerin kubanischer Herkunft in der Jugend verschlagen hat – sein Vater hatte einen Fahrerjob in der Blankeneser „Gesellschaft“ ergattert. Mit den „feinen Pinkeln“, die neben ihm bis zum Abitur im Jahr 1971 die Schulbank drückten, konnte er nichts anfangen. Kam dem nur 1,70 Meter großen Kraftpaket einer krumm, „gab es was auf die Mütze“.
Nach Jobs als Hafen- und Transportarbeiter absolvierte Rieck eine kaufmännische Ausbildung, die sich später bei der Gründung eines Kurierbetriebs auf genossenschaftlicher Basis und Tätigkeiten als Geschäftsführer und AG-Vorstand in größeren mittelständischen Kurier-Unternehmen hilfreich erweisen sollte. Seine 1970er-Jahre waren geprägt durch „engagierte Arbeit als Kader in einer größeren Hamburger kommunistisch-konspirativen Vereinigung“. Dann war er Chefredakteur des Sex-Blattes „Smart „(Auflage: 180.000). „Ich habe fast das ganze Heft allein gemacht. Am spaßigsten war, die Horoskope auszudenken, die Leserbriefe zu schreiben – und zu beantworten.“

1970 gründete er die Fusion Band Alcatraz

Schon 1970 hatte er die bis heute bestehende Band Alcatraz („Fusion Underground, englische und deutsche Texte, dunkel“) in Finkenwerder gegründet. Und dann ist da noch die Schriftstellerei. „Meine Texte haben nichts zu tun mit den aufgesetzten Problemen des in der deutschen Literatur führenden liberalen Mittelstands“, sagt Rieck, „und auch nicht mit der Szene arschkranker Großaktionäre. Darin wühlen seit Jahrzehnten die anderen herum.“

„Aufgeblasenes Kuhdorf“: Rieck legt sich mit vielen an

Riecks Geschichten spielen sich weitgehend ab in den den Zonen Proletariat, Subproletariat und untereres Kleinbürgertum. In diesem Milieu hat er sich die meiste Zeit seines Lebens bewegt: „Ich schreibe das auf, was ich sehe und höre.“ Und was er selbst erlebt. Da sind immer wieder die Alkoholprobleme. Schon zweimal wurde dem ehemaligen Kurierfahrer der Führerschein entzogen. Nur unter dem Einfluss von Whisky, Wein und Bier fließt Tinte aus Riecks Feder. Folgerichtig hieß sein erstes Buch: „Allein unter Flaschen.“ Sein Roman „Das Arschloch des Kuriers“ ist ein Stück Arbeiterliteratur, das aber von der Bredelschen Klage über den durch die Werkbank gekrümmten Rücken weit entfernt ist.
Doch seine große Liebe ist die Musik. Der heute 66-Jährige ist seit 50 Jahren Rock- und Jazzmusiker im Profi- und Semiprofi-Bereich mit über 1.000 Bühnenauftritten und 26 eigenen CDs und LPs. 2009 zog es Rieck nach Stationen in Wedel, wo er von 1984 bis 2000 lebte, Berlin und München zurück nach Finkenwerder, das er aus alten Alcatraz-Tagen gut kannte. Seit einem Jahr arbeitet Rieck als Honorarkraft am Haus der Jugend und unterrichtet mit Freunden Bass, Klavier, Schlagzeug, Gitarre und Gesang.
Rieck, der alte Polit-Rowdy, hat zuletzt in dem „aufgeblasenen Kuhdorf“ für reichlich Wirbel gesorgt, weil dank seines Einsatzes fast die gesamte Crew der pädagogischen Einrichtung gehen musste: „Die haben dort lieber ihre Privatpartys gefeiert, anstatt sich um die Jugendlichen zu kümmern.“ Das macht Rieck jetzt. Zuletzt hat er junge Machos mit Migrationshintergrund befriedet, die sich jetzt im Keller des Hauses beim Rappen austoben dürfen
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