Von Fotos und Fischen

Leben und leben lassen: Gäste auf dem Ponton op’n Bulln. Foto: kroll

Maritimes aus dem Hamburger Westen – neue Kolumne

Oliver Kroll, Hamburg West
Wenn Deutschlands bekanntester Shipspotter Thomas Kunadt zum Fotografieren möglichst dicht an die dicken Pötte ran will, dann geht er auf den Blankeneser Anleger Op’n Bulln. Der Schiffs-Paparazzo hat aus einem Hobby einen Beruf gemacht. Schiffe sind für ihn, der aus der Nähe von Dresden stammt, ein Zeichen von Freiheit – und seit langem eine Passion. Kommt Kunadt auf den Fähranleger, dann sind bei gutem Wetter die Sitzplätze belegt. Ein Poller zum Sitzen findet sich aber immer. Zwischen Müßiggängern und Touristen mag er ohnehin nicht so gern sitzen. Die Einheimischen kennen Kunadt seit langem. Die Touristen beobachten ihn interessiert.
Es gibt Trainspotter und Birdspotter, Planespotter und eben Shipspotter. Alle liegen mit großen Objektiven auf der Lauer. Was für die einen eher spleenig klingt, ist für die Beobachter von Eisenbahnen, Vögeln oder Flugzeugen pure Leidenschaft.

Suppe, Salat, Bier und Wein zu Blankeneser Preisen

So beobachten die Gäste des Kiosk Op’n Bulln – es gibt Wein und Bier, Suppe und Salat zu Blankeneser Preisen – Sonderlinge wie Kunadt teils interessiert, teils amüsiert. Dabei ist er nicht der einzige, der vorüberziehende Schiffe fotografiert. Während sich die meisten mit einem Smartphone begnügen, packt der Shipspotter ein mächtiges Objektiv aus. Denn ihn interessieren auch Steven und Schornsteine, Aufbauten und Anker.
Ob Fischkutter oder Contai-nerriese, Lotsenboot oder Segler – wen es seewärts zieht, der muss hier vorbei. Wobei nicht alle Gäste wegen der Schiffe kommen. Eine Wedlerinl schätzt vor allem die Blaue Stunde, wenn die Sonne versinkt und das Licht von Blau zu Schwarz wechselt. „Diese späte Stunde im Sommer liebe ich besonders.“
Andere kommen wegen der Damen, die hier gesprächsbereit am Tisch verweilen. Man sitzt gemeinsam an langen Tischen und kommt so schnell miteinander ins Gespräch. Die Herren tragen gern leicht ramponierte Bootsschuhe („Wo liegt dein Boot?“), die Damen kommen wahlweise in Jeans oder Kleidchen („Sehen wir uns beim Yoga?“)
Toleranz wird hier gelebt. Leben und leben lassen. „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“, so die Devise Friedrich II.
Toleranz und Großzügigkeit im Denken: Das gilt für die Jungen wie für die Altvorderen, die gern mal Döntjes erzählen. Geschichten aus der Seefahrt, von Regatten und Schiffen, von den einstigen Anlegern entlang des Elbufers, von den Wracks am Strand und dem Streit um das Mühlenberger Loch. Das wurde zugeschüttet, weil die Flugzeugbauer vom anderen Elbufer Hallen bauen wollten.
Gesprächsthemen gibt es an diesem Ort so viele wie heute wieder Fischarten in der Elbe. So kreisen die Gespräche um Zander und Stint, später am Abend kreisen auch schon mal die Weinflaschen.
Wird das Licht schlecht, dann hat Kunadt längst wieder eingepackt. Doch am nächsten Tag ist er wieder da. Wenn ein Schiff kommt, das er noch nicht fotografiert hat.
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