„Ich fühlte mich als Mensch zweiter Klasse“

Der dreijährige Rainer Wrage mit seinen mittlerweile verstorbenen Adoptiveltern Hans und Elisabeth Wrage. (Foto: privat)

Rainer Wrage ist ein Adoptivkind, doch das erfuhr er erst als Erwachsener – 
jetzt hat er seine Erinnerungen an seine Jugend in einem Buch festgehalten

Markus Tischler, Elbvororte – Rainer Wrage wirkt entspannt. Das Gesicht ist gebräunt. Der in den Elbvororten lebende 70-Jährige strahlt eine Zufriedenheit aus, wie es Menschen tun, die mit sich im Reinen sind. Das war nicht immer so. Rainer Wrage ist ein Adoptivkind und sagt über sich: „Ich habe mich lange Zeit immer als ein Mensch zweiter Klasse gefühlt. Das hat mich stark verunsichert.“ Jetzt hat er ein Buch über sein Leben als Adoptivkind geschrieben. Es heißt  „Nuckeldecke“.
Er war 23 Jahre alt, als er erfuhr, dass er adoptiert wurde. „Ich war damals im Bezirksamt Eppendorf, weil ich ein Visum für Argentinien brauchte. Die Beamte hat mich gefragt: Wissen Sie, dass Sie adoptiert sind? Ich habe damals spontan geantwortet, dass ich es weiß. Es war gelogen. Dann habe ich mich draußen erst einmal auf eine Bank gesetzt. Ich konnte die Welt nicht mehr verstehen.“

Mit seiner Partnerin fuhr er zu seiner leiblichen Mutter

Seine Adoptiveltern stellte er noch am selben Tag zur Rede. „Sie haben mir damals gesagt, dass es nicht den richtigen Zeitpunkt dafür gab, mir das zu
sagen. Es war für mich ein Vertrauensbruch, so dass ich erst über ein Jahr danach wieder Kontakt zu beiden aufgenommen habe“, erzählt Wrage. Er betont aus seiner Erfahrung: „Es ist wichtig, Kindern das so früh wie möglich zu sagen. Vor allem, wenn sie selbst anfangen zu fragen.“
Mit seiner Lebensgeschichte habe er sich indes erst 1995 nach dem Ende seiner ersten Ehe beschäftigt. Die Versuche, etwas über seine leibliche Mutter zu erfahren, verliefen jedoch lange Zeit erfolglos. „Aber es gab einen Vermerk mit dem Nachnamen meiner Mutter und deren Geburtsdatum in Haltern/Westfalen.“
Im Jahr 1997 arbeitete er bei einer Bank. Er gab vor, ein Konto auflösen zu wollen und schrieb einen Brief ans dortige Einwohnermeldeamt, um die Adresse seiner Mutter zu ermitteln. „Die Antwort kam schnell. Und eine Woche später stand ich dann mit meiner neuen Lebensgefährtin vor dem Haus in Haltern.“
Stundenlang habe er sich dann mit seiner Mutter unterhalten. Er erfuhr, dass sie verheiratet ist, zwei Kinder hat und diese nichts von ihrem ersten Sohn wussten und wissen sollten - und dass sein Vater 1953 bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist.
Von alldem hätte Wrage womöglich nie zu hören bekommen, wenn er das Risiko nicht auf sich genommen und den Brief ans Einwohnermeldeamt nicht geschrieben hätte. „Meine Mutter“, sagt er bedauernd, „ist ein paar Monate später an
Alzheimer erkrankt.“

Rainer Wrage
Nuckeldecke. Die
Geschichte einer Adoption
Vorwort von Roland Kaiser
Leonardo Verlagshaus
Euro 16,90
ISBN:-10: 39 81 75 42 04
ISBN-13: 978-39 81 75 42 09
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