„Die Stimme vom Millerntor“

Rainer Wulff in seinem Sommerurlaub am Timmendorfer Strand. Foto:stahlpress medienbüror

Radiomoderator Rainer Wulff entwickelte in 30 Jahren als Stadionsprecher des FC St. Pauli einen eigenen Stil

Volker Stahl, Timmendorfer Strand
Seine Stimme hat wohl jeder Hamburger schon mal gehört. Ob Ende der 1960er-Jahre in der Jugendsendung „5-Uhr-Club“, beim Einschalten der jährlichen NDR-Silvesterparty oder während eines Heimspiels des FC St. Pauli. Diesen Job hat der bis dato älteste Stadionsprecher Deutschlands zwar im Mai aufgegeben, doch trotz seiner mittlerweile 73 Jahre ist Rainer Wulff immer noch ein gefragter Con­fé­ren­ci­er, der seine sonore Stimme auf Galas, bei Gesangswettbewerben oder den Eutiner Festspielen erklingen lässt.

Er legte die Songs der Gästemannschaft auf

Doch die meisten kennen Wulff nicht als Opernliebhaber, sondern als „Stimme vom Millerntor“. Dort, im, Herzen von St. Pauli, hat Wulff Standards gesetzt, die im zum Showbusiness degenerierten Profifußball leider nur wenige Nachahmer gefunden hat. So sagte er stets „Gäste“ an und nicht „Gegner“, auch das in der eigenen Anhängerschaft anfangs umstrittene Abspielen des Fanlieds der Gästemannschaft war Wulffs Idee: „Die Deutsche Fußball Liga hat das sogar mal allen Stadionsprechern empfohlen, doch Schalke und Dortmund wollten das partout nicht.“ Für Wulff, ist diese Geste nicht nur eine Frage des Respekts: „Sie hat auch eine deeskalierende Wirkung.“
Eine typische Äußerung des Feingeistes, der sich als langjähriger Chef vom Dienst des NDR-Kulturprogramms zum Opernexperten entwickelte und heute über Premieren in der Fachpresse parliert. Im Herbst wird er im Musiktheater-Magazin „Orpheus“ die Kritik der Hamburger Parzival-Inszenierung schreiben. Doch auch zu seinen Jugendsünden steht Wulff, der in den 1970er-Jahren einen Ausflug in die leichte Muse wagte und ein Lied für Holstein Kiel nach der Melodie die Tony-Marshall-Schlagers „Schöne Maid“ betextete.
Dass Wulff beim Radio landete war Zufall. Er studierte in Kiel Deutsch und Geschichte auf Lehramt und mischte an der Uni bei der AG Funk mit, weil die AG Theater voll war. In den Semesterferien kam eine Anfrage vom NDR, ob einer der Studierenden Interesse an einer Urlaubsvertretung hätte. An das Datum seines ersten Arbeitstags, es war der 6. März 1966, kann Wulff sich noch genau erinnern. Anschließend nahm er ein Urlaubssemester, um weiterzuarbeiten und wusste: „Das isses.“ Theater wäre ohnehin nichts für ihn gewesen, denn: „Ich kann nicht auswendig lernen.

“An die „guten alten Zeiten“ denkt er her mit Grausen

Zum FC St. Pauli kam er 1986 durch den damaligen Präsidenten Otto Paulick, der in der Deichstraße zwei Kleinkunstbühnen betrieb: „Ich lernte ihn bei einer Premiere kennen, St. Pauli war gerade in die zweite Liga aufgestiegen, und er fragte mich: ‚Wollen sie nicht Stadionsprecher werden‘.“
Er wollte. Als alter Radiomann ärgerte er sich bald darüber, dass die Namen vieler Spieler falsch ausgesprochen wurden. Wulff recherchierte die richtige Intonation („Huntelaar spricht man Hüntelaar aus“) und stellt sie auf seiner auf seiner ständig aktualisierten Website www.statz-wulff.de allen Interessierten zur Verfügung. Auch hier setzte Rainer Wulff einen neuen Maßstab. Dem FC St. Pauli bleibt Wulff als Fan verbunden: „Beim ersten Saisonspiel hatte ich erst ein mulmiges Gefühl, zwischen der 50. und 80. Minute machte die Abwehr einen diffusen Eindruck.“
Nach dem Besuch seines ersten Spiels nach 30 Jahren als Zuschauer am Millerntor kann er sich aber eine Platzierung „im oberen Tabellendrittel“ vorstellen: „Die Mannschaft machte einen eingespielten Eindruck“.
Auch das neue Stadion gefällt dem Stadionsprecher a. D.: „Es ist ein Symbol für eine Veränderung, die ich positiv erlebt habe.“ Denn an die vermeintlich guten alten Zeiten blickt Wulff eher mit Grausen zurück. Anfangs war er oft Leidtragender der schlechten Organisation in dem damals bisweilen chaotischen Verein: „Früher musste ich bei jedem Spiel zittern, ob die Technik funktioniert.“
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