Zu groß, zu edel?

Atelierhaus Gaußstraße. Foto: Stephan Baumann

Im neuen Architekturjahrbuch sind auch zwei Beispiele aus Altona vertreten

Volker Stahl, Altona
Die Kaste der kreativen Baumeister war fast komplett in edles schwarzes Tuch gewandet, fast alle Herren ohne Schlips, manche im Rollkragenpullover. Bei den Damen dominierte der schwarze Hosenanzug. Aus der Masse stach Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt mit ihrem pinken Oberteil heraus. Sie schätze das Jahrbuch sehr, sagte die Sozialdemokratin zur Begrüßung: „Es schafft eine Diskussionsbasis in der wachsenden Stadt Hamburg und gibt positive Anstöße.“ Zentrales Thema der nächsten Jahre sei die Schaffung bezahlbaren Wohnraums, sagte die Senatorin. Karin Loosen, die Präsidentin der Hamburgischen Architektenkammer, erweiterte in ihrer Rede die Perspektive: „Wir müssen eine Debatte über das serielle und individuelle Bauen führen. Das Thema Verkehr mit dem Ausbau der Hauptstraßen wird uns noch lange beschäftigen, und wir müssen über die Zukunft der Quartiere reden. Sie sind die Keimzellen der Stadterneuerung.“
Das neue Jahrbuch bietet einen interessanten Themenmix, berichtet unter anderem über Moscheen in Hamburg als gesellschaftliche und politische Herausforderung, das Klimamodellquartier Op’n Hainholt (Sülldorf), aktuelle Tendenzen im Schulbau und das runderneute Hochhaus und Verwaltungsgebäude der Hamburg Süd.
Zwei Beispiele aus dem Jahrbuch, die in Altona entstanden sind:
Zeisehof in Ottensen: Die Aufregung im Stadtteil war groß, als man von dem Bauvorhaben hörte. Die Einheimischen wehrten sich vehement gegen die sechsgeschossigen Bürobauten, die ihnen vermeintlich die Ruhe nehmen und die Sicht versperren würden. Nun ist das Gebäude fertig, 800 neue Arbeitsplätze sind entstanden. Zwar konstatiert der Stadtentwicklungsexperte Gerd Kähler in seinem Beitrag einen „Maßstabssprung“, hält den aufgebrachten Altbewohnern aber den Spiegel vor: „Ihr habt als Studenten die Arbeiter aus Ottensen verdrängt und motzt jetzt als verbeamtete Lehrer oder als freiberufliche Bachblüten- und Physiotherapeuten“ über die „nächste Gentrifizierunsgwelle“.

Sichtbeton statt Goldleisten

Atelierhaus in der Gaußstraße: Als hätte es eines weiteren Beweises für die Aufwertung Ottensens bedurft – diese sichtbetongraue und lichtdurchflutete Immobilie inmitten des Stadtteils ist eine Wucht. Wer möchte hier nicht wohnen und arbeiten? Neben einer Fabrik, in der früher Goldleisten hergestellt wurden, wuchs ein fünfgeschossiger Bau mit 500 Quadratmetern für Ateliers und Werkstätten empor. Hinter tiefen modernen Fenstern sind Lofts entstanden, deren Innenräume und Aussicht auch eher Unkreativen einen Schub versetzen. Und ganz oben wird gewohnt, in einer Immobilie mit Veranda und Terrasse. Wow!

❱❱ Hamburgische Architektenkammer (Hg.): Architektur in Hamburg, Jahrbuch 2017/18, Hamburg 2017, Junius Verlag, 232 Seiten, 39,90 Euro
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