Vom Sehen und Gesehenwerden

Strandperle: Ein belebter, wie beliebter Treffpunkt, weit über die Stadtgrenzen hinaus. Foto: kroll

Maritimes aus dem Hamburger Westen – neue Kolumne

Oliver Kroll, Hamburg West
Manchmal müssen auch Großdenker dazulernen. So etwa der französische Soziologe und Sozialphilosoph Pierre Bourdieu (1930-2002). Er diagnostizierte einst, dem Stadtmenschen sei „nichts unerträglicher, als die als Promiskuität empfundene physische Nähe sozial fern stehender Personen“.
In den 1970er-Jahren kamen Schüler und Studenten
Das mag für viele Orte gelten. Geht es in Hamburg um Elbe, Strand und Sand, müssen Denker und Sinnsucher ihr Urteil relativieren. Denn strahlt die Sonne, als würde sie dafür bezahlt, dann scharen sich entlang des Elbufers die Menschen zuhauf. Dann sitzt der Artdirector neben der Wurstwarenfachverkäuferin, die Rentnerin neben dem Banker. Dann reimen sich „Sonne auf Wonne, Brust auf Lust“ (Robert Gernhardt).
Einer der bevozugten Treffpunkte des nördlichen Ufers ist hier die am Fußweg Oevelgönne gelegenene „Strandperle“. Längst findet sie sich sich als „Szenetreff“ in den Stadtführern. So schmückt der Satz „Wir waren in der Strandperle“ eben eher als etwa ein Besuch beim benachbarten Restaurant „Zum Bäcker“.
Das gilt vor allem seit einigen Jahren.
Einst saß an den Tischen ein eher bürgerliches Publikum bei Kaffee und Kuchen. Betrieben wurde das Lokal von der Familie Max Lührs, die gleich oberhalb des Lokals lebte. Gemeinsam mit Bruder Herbert betrieben die alteingesessenen Oevelgönner früher einen Bootsverleih.
Wer noch weiter in der Historie zurückgeht erfährt, dass an der Stelle der heutigen „Strandperle“ das Ausflugsziel „Altonaer Milchhalle“ stand.
Der große Wandel begann Anfang der 1970er-Jahre als Bernt Seyfert das Lokal übernahm. Fortan verkehrten hier vermehrt Studenten und Schüler aus dem Hamburger Westen. Sie orderten Bier und Brause, Würstchen mit Salat, die vom Wirt „rausgereicht wurden“. Später zogen die jungen Leute in die nahe „Zwiebel“, hamburgweit einer der ersten tatsächlichen Szeneläden.
Auf der Homepage wird heute von „Bootsfahrern und Lotsen“ erzählt, die in der „untergehenden Sonne Mundharmonika spielten“. Das sind Geschichten, die gern kolportiert werden und niemandem weh tun. Ein Gast von damals verwundert: „Ich habe nie jemanden Mundharmonika spielen hören.“
Die heutigen Betreiber Christian Toetzke und Jens Fintelmann schreiben inzwischen ein weiteres neues Kapitel der charmanten Strandbude.
Alle paar Jahre, wenn der Blanke Hans bei Sturmflut seine Muskeln spielen lässt, schwimmen Tische und Stühle der „Strandparle“ am Ufer. Die Bilder sind tags darauf in der Tagespresse zu sehen.
Ums Sehen geht es an anderen Tagen auch. Die einen beobachten fasziniert die An- und Ablegemanöver an der vis-à-vis gelegenen Pier, die anderen zeigen ihre Körper und schauen, ob die anderen gucken. Dabei sind alle Sitzplätze belegt. Bei den Menschen, die dicht an dicht auf mitgebrachten Decken lagern, spielt die „physische Nähe“ dabei keine Rolle.
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