Sie heulen nur auf Zuruf

Zettelwirtschaft: Was als nächstes gesagt oder gespielt wird, darüber entscheidet das Publikum – oder der Zufall. Foto: pr

Vor 25 Jahren hat das Ensemble der Steifen Brise zum ersten Mal
Theater aus dem Stehgreif in Hamburg gespielt – der Beginn einer Erfolgsgeschichte

Ch. v. Savigny, Hamburg

72! Nepomuk! Zeitungsverkäufer! Spontan rufen die Besucher ein paar Begriffe nach vorne auf die Bühne: die ersten beiden Ziffern einer Telefonnummer, den Namen eines Haustieres, einen Beruf. Impro-Schauspielerin Wiebke Wimmer ist mit einem Mal 72 Jahre alt, heißt Nepomuk und blättert mit übertrieben großen Gesten eine imaginäre Zeitung durch. Übrigens hüpfend, auf Geheiß des Publikums. Schneller Szenenwechsel: Ein Postbote klingelt und bringt – auch diesmal auf Wunsch der Zuschauer – einen Tiger. Je absurder, desto besser. Dafür jetzt mal was ganz Banales: Die Quittung für den Boten muss ausgestellt werden. Aber bitte nicht zu einfach, ein bisschen Singen und Tanzen sollte doch wohl drin sein? Wimmer zögert keine Sekunde. Sie legt einfach los, schmettert ein paar flugs gedichtete Verse und schwingt das Tanzbein so hoch, dass sich die ersten Zuschauer bereits vor Lachen biegen.
Alles entsteht durch Zurufe aus dem Publikum
Ein Abend bei Hamburgs wohl bekanntester Improtruppe „Steife Brise“. Improtheater heißt: kein gelernter Text, keine Rolle, (fast) keine Requisiten. Alles entsteht im Moment – auf Zuruf. „Das Publikum ist Bestandteil des Abends“, sagt Thorsten Brand (47), Geschäftsführer und einziges verbliebenes Gründungsmitglied. „Wenn die Leute nicht mitmachen, geht’s nicht weiter.“ So ganz nebenbei: Diese Gefahr besteht bei der „Steifen Brise“ nicht. In diesem Jahr feiern die Hamburger Impro-Pioniere ihren 25. Geburtstag (Programm siehe Text rechts). Zeit für eine kleine Rückschau: Wie ging das damals los, und wie wird man das eigentlich – Impro-Schauspieler?
Ursprünglich wollte Brand Lehrer werden. Aber das Unterrichten mit starrem Lehrplan lag ihm nicht, stattdessen fing er an, mit seinen Schülern Stücke einzuüben. „Ich hatte selbst schon während meiner Oberstufenzeit Theater gespielt“, berichtet Brand. „Dort habe ich dann gemerkt: Das will ich weitermachen.“
Der Startschuss fiel 1992 mit einer Gruppe von knapp zehn Mitstreitern im Hamburger Kellertheater an der Laeiszhalle. Die Idee mit dem Improtheater kam den Teilnehmern, nachdem sie sich einen Impro-Wettbewerb in Dortmund angesehen hatten. Auf dem Weg dorthin entstand auch der Name des Ensembles. „Steife Brise – das hat uns gefallen, weil es viel norddeutsches Lokalkolorit vermittelt“, sagt Brand.
Jeder Teilnehmer bekommt eine „Heul doch!“-Karte
Während zu Beginn ausschließlich die Impro-Show auf dem Programm stand, gesellten sich im Laufe der Jahre etliche neue Bühnenkonzepte hinzu: Beim Improslam etwa treten drei Slammer gegen den Steife-Brise-Chef an. Passend zum Motto („Arrogant, charmant, Brand“) geht es fies und bissig zur Sache. Besonders beliebt dürfte der Impro-Krimi „Morden im Norden“ sein: Während die Zuschauer das Opfer und die Todesart bestimmen, schlüpfen die Darsteller abwechselnd in ihre Rollen als Kommissar oder Täter. Noch ganz jung ist das Stück „Underdogs“ im Lichthof-Theater: Hier dürfen sich die Spielerteams zusammen mit dem Publikum so richtig austoben. „Unsere Experimentierbühne“, so Brand.
Heute hat die „Steife Brise“ 18 Mitglieder, davon 14 im Spielensemble, zwei Musiker und zwei Büroangestellte. Seit etwa 1997 bietet das Team
Businesstheater an, etwa für Tchibo oder Beiersdorf. Ein zweites Standbein, das das nötige Kleingeld in die Theaterkasse spült. Motto: Hinterfragen und aufrütteln. Es geht vielleicht manchmal hart zur Sache – spaßeshalber erhält jeder Teilnehmer vorweg ein Kärtchen mit der Aufforderung „Heul doch!“ sowie zwei Heftpflaster – aber hauptsächlich ist es lustig. „Wir können dort so ein bisschen als Hofnarren auftreten“, erklärt Brand. „Aussprechen, was andere nicht dürfen.“
Zukunftspläne? Thorsten Brand hat einiges vor. „Improtheater soll in der Kulturlandschaft eine eigene Rubrik kriegen“, sagt er. Auch die „Steife Brise“ soll bleiben – nicht nur 25, sondern möglichst auch 50 oder 100 Jahre lang. Drei Nachwuchsschauspieler werden derzeit bei der Theatertruppe ausgebildet. Die jüngste ist erst 23 Jahre alt. „Als wir uns gegründet haben, war die noch gar nicht auf der Welt“, staunt Brand.
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