Schwerbehinderter wird aus Arztpraxis geschmissen

Schwierigkeiten beim Gehen und Stehen - und dann noch ausgesperrt. Manfred Wollesen hatte die gute Idee, bei seinem Arzt im Wartezimmer auf seine Frau zu warten, die dort einen Termin hatte. Doch der Doktor schickte ihn weg. (Foto: ch)

Mann sperrt sich zu Hause aus, will im Wartezimmer auf seine Frau warten,
die einen Arzttermin hat. Doch er darf nicht.

Christiane Handke, Hamburg-West - Grundsätzlich sitzt man ja immer zu lange im den Wartezimmern von Ärzten herum. Manfred Wollesen (67) passierte letzte Woche das Gegenteil: Ihm wurde das Warten verboten.
Wollesen, von Beruf Koch, ist durch einem Motorradunfall in seiner Jugend schwer behindert. Es ist ein Wunder, dass er überlebt hat – drei Jahre lag er im Krankenhaus. Heute hat er ein versteiftes Bein, Schwierigkeiten, im Gehen und Stehen das Gleichgewicht zu halten, Herzprobleme.
Dieser Mann schließt sich versehentlich am Dienstag letzter Woche (23. Juni) aus seinem Haus aus. „Ich stand da wie doof“, sagt er. Im Vorgarten, ohne Schlüssel oder Handy, zum Glück mit Schuhen an den Füßen und mitsamt seinem Rollator. Da fällt ihm ein: In rund einer Stunde, um 18 Uhr, hat seine Frau nach der Arbeit einen Termin bei ihrem gemeinsamen Hausarzt, Dr. K. (Name der Redaktion bekannt). Er wird hingehen, im Wartezimmer warten, bis sie kommt, ihre Schlüssel nehmen und nach Hause gehen.

Das Wartezimmer war fast völlig leer

Wollesen macht sich auf, die Praxis ist nur zehn Minuten entfernt. Er erklärt der Sprechstundenhilfe seine missliche Lage und setzt sich mit ihrem Einverständnis ins Wartezimmer. Doch dann: „Ich war höchstens zehn Minuten da. Da kommt sie wieder rein und richtet mir vom Doktor aus: Er möchte nicht, dass ich in der Praxis warte. Ich soll das zu Haus vor meiner Tür machen.“
War das Wartezimmer denn so voll, dass er jemandem den Platz weggenommen hätte? „Um Gottes Willen, dann hätte ich gar nicht gefragt! Da war nur eine Frau“. Wollesen geht, wütend, verletzt, sauer.
Das Wochenblatt hat den Arzt gefragt, warum Wollesen nicht warten durfte. Der Mediziner spult eine Reihe von Erklärungen ab: „Wir sind ja kein Wartesaal.“ „Der Mann war nicht als Patient da“. „Er hat die Praxisabläufe gestört.“ Wie das denn , wenn man nur im Wartezimmer rumsitzt? Es folgt die angesichts der ärztlichen Schweigepflicht haarsträubende Erklärung Nummer 4: „Frau Wollesen wünscht nicht, dass ihr Mann ständig an ihren Fersen klebt.“ In ihrem Sinn habe er Manfred Wollesen nach Hause geschickt.
Nachgefragt bei Irene Wollesen ( 62). Zuerst lacht sie ungläubig. Dann wird sie ernst: „Das ist doch ein Ding der Unmöglichkeit! Erstens stimmt das nicht. Und zweitens: Darf er als Arzt sowas überhaupt sagen?“ Dann berichtet sie: „Mitten in der Untersuchung sagt er plötzlich, dass er meinen Mann nach Hause geschickt hat. Ich verstehe nicht, wieso mein Mann nicht im Wartezimmer bleiben durfte ... der hätte doch nur Kreuzworträtsel gelöst.“
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