Mit Helmut Schmidt auf Augenhöhe

Mit Helmut Schmidt im Februar 2012: Simonsohn und der neun Monate ältere Altbundeskanzler redeten anderthalb Stunden über Politik und Persönliches. (Foto: pr)
 
Mit Schiffsmodell: Wilhelm Simonsohn in seiner Wohnung in Bahrenfeld. Die Begeisterung für die Seefahrt hat Vater Leopold geweckt, der selber zur See gefahren war, eher er sich als Kohlenhändler in der Steenkampsiedlung niederließ. Foto: mg

Wilhelm Simonsohn wuchs in der Steenkampsiedlung auf – nun feiert er seinen 97. Geburtstag

Matthias Greulich, Hamburg-West – Beide waren in der Marine-Hitlerjugend, beide sind ab 1935 nicht mehr hingegangen: Wilhelm Simonsohn hat bei einem Gespräch mit Helmut Schmidt im Frühjahr 2012 einige Gemeinsamkeiten mit dem 2015 verstorbenen Altbundeskanzler besprochen. „Er war gar nicht arrogant, wie man es ihm gerne nachsagte. Eher das Gegenteil“, sagt Simonsohn, der Jüngere der beiden, der am 9. September seinen 97. Geburtstag in seiner Wohnung in Bahrenfeld feiert.
Schmidt hatte als „Scharführer“ der Marine-HJ eine Wand mit einem Gedicht beschriftet, das nicht in die NS-Ideologie passte. Simonsohn wurde bei einem Streit aus heiterem Himmel als „Judenlümmel“ beschimpft. Was er damals noch nicht wusste: Sein deutschnational denkendender Adoptivvater Leopold war Jude.
„Mit großem Interesse“, hatte Schmidt Simonsohns Buch über sein „Leben zwischen Krieg und Frieden“ gelesen. Er wollte vom Gast aus Bahrenfeld wissen, wie er an den Nachweis seiner „arischen Abstammung“ gekommen sei, obwohl er seinen leiblichen Vater nie kennengelernt hatte. „Ich konnte ihm vom Besuch im Altonaer Gesundheitsamt erzählen, wo sogar mein Kopf vermessen wurde!“ Das amtsärztliche Gutachten bescheinigte ihm, dass keinerlei Anzeichen für einen „nicht-arischen Einschlag“ bestünden.

Als Zeitzeuge besucht Simonsohn Schulen

Wie Schmidt wurde Simonsohn zur Wehrmacht eingezogen. Beim Überfall auf Polen im September 1939 war er Heeresaufklärer in einem Flugzeug, im weiteren Kriegsverlauf wurde er zweimal abgeschossen. „Drei weitere Male hielt der liebe Gott bei Bruchlandungen seinen Daumen zwischen Leben und Tod“, sagt Simonsohn, der durch die Kriegserlebnisse bei der Luftwaffe zum Pazifisten wurde.
Einmal pro Woche besucht Simonsohn die Hamburger Zeitzeugenbörse, etwa einmal im Monat besucht er eine Schule, um aus seinem fast unglaublichen Leben zu erzählen. Auch in der Schule Regerstraße war er schon. „Es ist jedes Mal ein großes Vergnügen“, fasst es der brillante Erzähler zusammen. Seit einigen Jahren kann er die Konturen seiner Umwelt dabei allerdings nur noch mit einem seitlichen Blickwinkel erfassen. „Wenn ich schiele ist das keine Charakterlosigkeit“, erklärt er, sich selber auf die Schippe nehmend, dem Besucher.

Zwei Töchter, sechs Enkel und zwei Urenkel

Seine hohe geistige Fitness wird nach dem Tod von Ehefrau Liesel vor elf Jahren durch die Besuche seiner Zwillingstöchter Barbara und Cornelia sowie sechs Enkel und zwei Urenkel gefordert. Außerdem kommt ein ehemaliger Richter einmal in der Woche zum Klönen vorbei der als ehrenamtlicher „Medienbote“ geistige Nahrung in Form von Hörbüchern aus der Bücherhalle mitbringt.
Was in seiner Nachbarschaft passiert, lässt den „Wechselwähler“ als politischen Menschen nicht kalt. Warum das seit Jahren eingezäunte Grundstück an der Ecke Bahrenfelder Chaussee/Von Sauer-Straße nicht bebaut wird, kann ihn angesichts der Wohnungsknappheit so ärgern, „dass ich die Behörden demnächst wieder mit Nachfragen behelligen werde“.


Stolperstein

Als Andenken an Wilhelm Simonsohns Adoptivvater Leopold wurde vor dessen Haus an der Ebertallee 203 ein Stolperstein verlegt. Der Kohlenhändler, der Jude war, wurde am 9. November 1938 ins KZ Sachsenhausen abgeholt. Wilhelm Simonsohn sprach – in Wehrmachtsuniform und mit dem Orden seines Vaters – beim Gauamtsleiter vor, um dessen Entlassung zu erreichen. Nach vier Wochen im KZ kam der Vater frei. Er starb am 10. Dezember 1939 an den Spätfolgen der Haft.
❱❱ www.wilhelm-simonsohn.de
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